Full text: Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert

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deutsche Reich umfasst, zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts so viel 
Getreide produziert wurde, als die Bevölkerung selbst brauchte. In besseren 
Jahren wurden wohl Überschüsse erzielt, doch war die Mehrausfuhr im 
ganzen nicht bedeutend. Etwas anders gestalteten sich dagegen die Verhält 
nisse, als man nach Befreiung des Bauernstandes und Mobilisierung des Grund 
besitzes die Anbauflächen stark zu erweitern begann und als nach Ein- 
füliruug der Gewerbefreiheit und Aufhebung der Binnenzölle und Ausfuhr 
verbote der Getreidehandel sehr erleichtert wurde. Da begann auch die 
Getreideproduktion viel stärker als der Eigenbedarf zu steigen und die 
Krisis der 20 er Jahre wurde mit dadurch hervorgerufen, dass die jetzt 
viel bedeutenderen Überschüsse an das Ausland, zumal dieses seine Getreide 
politik vielfach geändert hatte und selbst bessere Ernteerträge erzielte, sehr 
schwer abgestossen werden konnten und daher enorm auf die Preise drückten. 
Gleichwohl betrug die Mehrausfuhr Preusseus im Jahre 1828 — trotz des 
Verlustes der polnischen Provinzen und des Wachstums der Bevölkerung 
— 3601960 Scheffel Getreide und Hülsenfrüchte und 52257 Zentner Mühlen 
fabrikate, 1 ) das ist im Vergleich zu 1795/96 mehr als das Gefache. 
In grossen Zügen haben wir also in dem abgelaufenen Jahrhundert in 
Deutschland folgende Entwickelung gehabt: zu Beginu des Jahrhunderts 
Produktion des Eigenbedarfs und geringe Überschüsse, seit Ende des 
zweiten Jahrzehnts stärkeres Anwachsen der Produktion über den Eigen 
bedarf hinaus und Mehrausfuhr bis in die 60 er Jahre, dann kurze Zeit 
Balance und seit den 70 er Jahren immer stärker werdende Mehreinfuhr. 
Damit kommen wir wieder auf die Frage zurück: Wie erklärt sich diese 
Mehreinfuhr, wenn die einheimische Landwirtschaft am Ende des Jahr 
hunderts pro Kopf dasselbe produziert hat wie am Anfang desselben? Zwei 
Momente sind es hauptsächlich, die hier in Betracht kommen. Zum ersten 
ist zu sagen, dass, wenn auch nicht der Konsum von Brot, so doch sicher 
lich der Konsum von Brotgetreide im Laufe des Jahrhunderts pro Kopf 
der Bevölkerung bedeutend gestiegen ist. Vor 100 Jahren spielten beim 
Vermahlen des Getreides die Handmühlen noch eine grosse Rolle und es 
gehörte vielfach zu den gewöhnlichen Beschäftigungen des Gesindes und 
der kleineren ländlichen Bevölkerung, besonders an den langen Winterabenden 
das für den Hausbedarf nötige Mehl auf Handmühlen herzustellen. Aber 
selbst dann, wenn man das Getreide auf den gewerblichen Wind- und 
Wassermühlen vermahlen liess und vermahlen lassen musste, drängten die 
hohen Getreidepreise und die Mahlsteuer dazu, die Mehlausbeute möglichst 
hoch zu gestalten; die niedrigen Eleischpreise machten die Verfütterung 
einer Kleie, welche die Mahlsteuer mit zu tragen hatte, wenig rentabel. 
Bezeichnend ist es auch, dass die alten Schriftsteller, z. B. Schwerz, bei 
Besprechung der Schwoinefütterung viel eher die Körner als Kleie erwähnen, 
es wurde eben aus den genannten Gründen wenig Kleie erzeugt. Das ist nun 
alles mit der Zeit ganz anders geworden. Heute erblickt man auf dem Lande 
nur noch sehr selten eine Handmühle in Tätigkeit: die Leutenot ist zu 
gross und die Handarbeit zu teuer. Aber nicht nur die Handmühlen, 
l ) Dieterici, Volkswohlstand, S. 160.
	        
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