Full text : Die Steigerung der Produktivität der deutschen Landwirtschaft im neunzehnten Jahrhundert

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über  den  niedrigen  Stand  der  damaligen  Tierhaltung.  Beispiele  von  besserer
Haltung  und  Pflege  der  Tiere,  von  Putterbau  und  Sommerstallfütterung
werden  allerdings  hier  und  da  angeführt,  gehörten  aber  zu  den  Ausnahmen.
Unter  solchen  Verhältnissen  konnte  natürlich  die  Kraftleistung  der
Tiere  und  ihre  Ergiebigkeit  an  Fleisch,  Milch  usw.  keine  grosse  sein.  Thaer
sagt  an  einer  Stelle 1 )  ausdrücklich:  „Das  aus  Mangel  an  Weide  kraftlose
Zugvieh  vollbrachte  sehr  wenig  Arbeit  an  einem  Tage.“  Das  Gewicht,
welches  die  einzelnen  Tiere  erreichten,  war  vielfach  ein  unglaublich  kleines.
So  berichtet  Schwerz 2 )  von  dem  Kindvieh  in  der  Eifel:  „Eine  magere
Kuh  wiegt  150—200  Pfund,  ein  Ochse  bis  300  Pfund“;  in  den  Grafschaften
Tecklenburg  und  Lingen:  „Die  allergrössten  Kühe  mögen  250—300  Pfund
wiegen“;  im  Fürstentum  Münster:  „Das  hiesige  Vieh  gehört  zu  der  kleinsten
Höhenrasse.  Eine  Kuh  wiegt  fett  300  Pfund“;  im  Fürstentum  Paderborn:
„Bei  den  gewöhnlichen  Bauern  wiegt  eine  Kuh  zwischen  2  und  300  Pfund,
auf  den  Ökonomien  4—600  Pfund“;  am  Khein  und  an  der  Mosel,  wo
Stallfütterung  schon  sehr  verbreitet  war:  „Das  Gewicht  einer  schlachtbaren
Kuh  geht  in  der  Regel  nicht  über  3—400  Pfund.  Die  von  5—600  sind
Ausnahmen.  Die  Ochsen  wiegen  zwischen  5—700  Pfund.“  Nur  im
Herzogtum  Jülich,  „der  vorzüglichsten  Ackerprovinz  diesseits  der  Weser“,
kam  eine  schlachtbare  Kuh  im  Durchschnitt  auf  450—600  Pfund.  Auch
in  Kleve,  Geldern  und  Mörs  erreichten  die  Kühe  ein  höheres  Gewicht,
4—500  Pfund,  von  Fettweiden  auch  wohl  6—700.  Diese  Angaben  betreffen ­
  das  Vieh  in  Westfalen  und  Rheinpreussen.  Bezüglich  Norddeutschlands ­
  schreibt  Thaer 3 )  folgendes:  „Wir  nehmen  Kühe  von  der  gewöhnlichen ­
  Höhe-  oder  Landrasse  des  nördlichen  Deutschlands,  solche  aber
unverkrüppelt  und  ausgewachsen  an.  Eine  Kuh  dieser  Art  wiegt  in  dem
Zustande,  worin  sie  sich  auf  einer  gehörigen  Weide  befindet,  lebendig
400  Pfund  und  wenn  sie  geschlachtet  wird,  220  Pfund  an  Fleisch.  Sie  gibt
300  Tage  im  Durchschnitt  2 l / 2  Quart  Milch  oder  jährlich  750  Quart  (859  1)
und  daraus  62  Pfund  (29  kg)  Butter  neben  Käse,  Molkenabfall  und  Kalb.“
Die  Worte  „worin  sie  sich  auf  einer  gehörigen  Weide  befindet“  lassen
vermuten,  dass  die  Ziffern  Thaers  wahrscheinlich  noch  über  dem  Durchschnitt ­
  stehen;  denn  wie  wir  oben  sahen,  waren  die  Weiden  bezw.  die
sonstige  Ernährung  des  Viehes  meist  nicht  „gehörig“.  Dieterici  nahm
nach  den  Ergebnissen  der  Akzise  für  den  ganzen  preussischen  Staat  im
Jahre  1802  als  durchschnittliches  Schlachtgewicht  (Fleisch,  Knochen  und
Fett,  mit  Ausnahme  der  Füsse,  des  Darmfettes  und  der  Eingeweide)  an:  bei
einem  Ochsen  300  Pfund,  Kuh  200,  Stück  Jungvieh  100,  Kalb  24  Pfund. 4 )
Man  kann  nach  alledem  sagen,  dass  das  durchschnittliche  Lebendgewicht
einer  Kuh  vor  100  Jahren  kaum  400  Pfund  erreicht  hat.  Dagegen  hatten
die  10458631  Kühe,  welche  die  Viehzählung  von  1900  in  Deutschland  ermittelt ­
  hat,  ein  Gewicht  von  4592378,5  Tonnen,  die  einzelne  Kuh  wog
0  Anna!  Jahrg.  1811,  S.  453.
2 )  Beschreibung  der  Landw.  in  Westfalen  und  Rheinpreussen.  Stuttgart  1836  II
S.  143;  I,  S.  119;  I,  S.  148,  360;  H,  S.  204,  100.
3 )  Ausmittelung  des  Reinertrages  der  produktiven  Grundstücke.  Berlin  1813.  S.  91.
4 )  Vergl.  Schmoller,  Die  Grösse  des  preussischen  Viehstandes,  a.  a.  0.  S.  749.
            
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