Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

90 Zweiter Teil. Kandel. III. Zur Geschichte von Kandel und Industrie. 
Allmählich vollzog sich auch der für die Prosperität nicht unwichtige örtliche 
Zusammenschluß verwandter Industriezweige. 
Im besonderen entwickelte die Maschinenindustrie eine fieberhafte Tätigkeit. Der 
Kohlen- und Eisenbedarf schnellte gewaltig in die Köhe und mußte vielfach aus dem 
Ausland gedeckt werden. Nun wurden durch das Thomasverfahren die lange für 
minderwertig gehaltenen Erze vollkommen brauchbar, die Stahlindustrie erhielt durch 
das Bessemer- und Martinverfahren einen neuen Aufschwung. Die Gewinnung und 
Verarbeitung des Eisens konnte in den rheinischen und schlesischen Kohlenbecken festen 
Fuß fassen und den Maschinen- und Wagenbau, sowie das umfangreiche Gebiet der 
Kleineiscnindustrie in die Köhe bringen. 
Das durch den Übergang der Schmelzöfen zu Koks und Kohle freigewordene 
Kolz wurde von der Papierindustrie aufgenommen, die jetzt viel mehr geschliffenes und 
chemisch zubereitetes Fichtenholz als Kadern verarbeitet. Die chemische Großindustrie 
wurde von den siebziger Jahren an zur dominierenden auf dem Weltinarkte. Die alt- 
berühmte Glasfabrikation, sowie die Ton- und Porzellanindustrie gewannen im Ausland 
immer mehr Abnehmer. Die Fabrikation von Leder und Lederwaren, von Kurz-, 
Lolz-, Metallwaren entfaltete sich zumteil in Anlehnung an das Kunstgewerbc. 
Letzteres erfuhr durch die monumentalen Bauten für Staat und Gemeinden, durch die 
Steigerung des Komforts und Luxus, durch Ausstellungen und Kunstgcwerbeschulen 
allmählich eine Verjüngung und wurde so ein gefährlicher Konkurrent für das französische 
Kunstgewerbe, das bisher dominiert hatte. „Kein einziges Gewerbe, das nicht eine 
Erweiterung, Umgestaltung, oft eine völlige Amwandlung seit den fünfziger Jahren 
erfahren hätte!" (Alex. Peez). 
Dann kam die Einigung des Deutschen Reiches, die mächtige Stärkung des 
Ansehens der deutschen Industrie im Ausland; sie gab den tonangebenden Export 
industrien auf dem Weltmarkt einen sicheren Rückhalt, in wenigen Jahren wurde die 
deutsche Industrie ein geachteter und gefürchteter Konkurrent. Zutage trat dies 
besonders in den Wirkungen der englischen „Nercßgnäise Act“ von 1885; sie war 
zu dem Zwecke geschaffen worden, die Welt darüber zu belehren, daß alles, was gut 
sei, aus der englischen Industrie stamme. Zur höchsten Überraschung sah aber das 
Ausland nach dem Inkrafttreten jenes Gesetzes, daß es bisher in gutem Glauben als 
englisches Erzeugnis gekauft hatte, was in Wirklichkeit zu billigeren Preisen in Deutsch 
land hergestellt war. Ein ebenso beredtes Zeugnis von der Erstarkung unserer Industrie 
legt das seit 1871 eingetretene Anschwellen unseres Außenhandels ab. — 
Überblicken wir den Entwickelungsgang speziell der deutschen Großindustrie, so 
leuchtet daraus als eines der treibenden Momente die wissenschaftliche Forschung hervor. 
Der britische Wettbewerb verdankte seine Weltstellung und wirtschaftliche Über 
macht in der ersten Kälfte des 19. Jahrhunderts der Spindel und der Kohle. Damit 
erlangte er einen geschichtlichen Vorsprung und einen Arbeiterstamm, der nun seit 
mehr als einem Jahrhundert Kandgeschicklichkeit, Disziplin und technische Findigkeit 
von Geschlecht zu Geschlecht forterbt (eine englische Spinnerei z. B. bedarf nur etwa 
drei Fünftel der in einer kontinentalen Spinnerei notwendigen Arbeiterzahl, um gleich 
viel und gleich gut zu produzieren). 
Dieser Produktivkraft stand in Deutschland der Forschungs- und Erfindungsgeist 
gegenüber. Er konnte sich allerdings erst recht entfalten, als der Gelehrte, der Erfinder, 
der Entdecker sich nicht mehr an das Ausland zu wenden brauchte, um seine Ideen 
für das Allgemeine praktisch zu verwerten, als die Wissenschaft in der heimischen 
Industrie einen nährenden Boden fand und dieser Zusammenhang zwischen Industrie 
und Technik immer inniger wurde. Die glänzendsten Beispiele dieser wechselseitigen 
Befruchtung bieten die zwei Industriezweige dar, die zu den wichtigsten der Gegenwart 
gehören, nämlich die chemische und die elektrotechnische Großindustrie.
	        
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