Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

3.  Die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  der  Aktiengesellschaft.  107

Unternehmens,  in  vielen  Beziehungen  segensreich,  kann  sogar  einen  unwirtschaftlichen
Charakter  annehmen,  wenn  es  unter  ungünstigen  Verhältnissen  sich  nicht  auflöst,  sondern
mit  wachsenden  Anterbilanzen  weiterarbeitet.
Mit  dem  vorhergehenden  hängt  zusammen  die  Anbeweglichkeit  der  Aktiengesellschaft
in  bezug  auf  ihren  Kapitalbedarf.  Die  allmähliche  Vermehrung  oder  Verminderung
des  Kapitals  ist  schwierig.  Für  Unternehmungen,  bei  welchen  eine  solche  geboten  ist,
eignet  sich  also  die  Aktiengesellschaft  nicht.
Die  Bedeutung  der  Aktiengesellschaft  liegt  weiter  in  der  Möglichkeit,  sehr
große  Kapitalien  aufzubringen.  Bei  der  Beschränkung  des  Risikos  auf  die  Einlage, ­
  der  Hoffnung  auf  Gewinn,  der  Leichtigkeit,  die  Aktien  zu  veräußern,  können  selbst
für  gewagte  Unternehmungen  und  auf  Gebieten,  auf  welchen  die  Erfahrung  fehlt,  ganz
außerordentliche  Summen  verhältnismäßig  leicht  zusammengebracht  werden,  wenn  eine
gewisse  Menge  anlagefuchendes  Kapital  schon  vorhanden  ist.  Man  denke  an  die
Entstehung  der  großen  Eisenbahn-  und  Schiffahrtsunternehmungen,  an  den  Suez-  und
Panamakanal,  an  die  transozeanischen  Kabel,  an  die  großen  Banken.
Auf  die  Gefahr,  welche  in  dieser  Leichtigkeit  der  Kapitalsbeschaffung  liegt,  wird
weiterhin  einzugehen  sein.  Zunächst  ist  zu  beachten,  daß  die  Aktiengesellschaft  in  ihrer
gegenwärtigen  Verbreitung  in  den  meisten  Fällen  nicht  mehr  der  Beschaffung  sehr  großer
Kapitalien  dient.  Die  neueren  Zusammenstellungen  zeigen  allgemein  so  niedrige
Durchschnittsgrößen  des  Aktienkapitals,  daß  die  Zahl  der  ganz  kleinen  Gesellschaften  sehr
erheblich  sein  muß.  Bei  %  — S U  der  in  letzter  Zeit  in  Deutschland  neu  gegründeten
Gesellschaften  erreichte  das  Kapital  höchstens  1  Million  Mark.  Nach  Hergenhahn
hatten  von  den  1884—1892  gegründeten  Gesellschaften  17  Grundkapitale,  welche
10  000  Mark  nicht  erreichten,  160  Gesellschaften  Grundkapitale  von  10  —50000  Mark.
Auch  nach  Einführung  der  neuen  Form  der  Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung  kommen
sie  noch  mehrfach  vor*).
Die  ganz  kleinen  Aktiengesellschaften  dienen  vielfach  gemeinnützigen  oder  geselligen
Zwecken,  bei  welchen  die  Rücksicht  auf  Rentabilität  nicht  oder  nur  in  zweiter  Linie
in  Betracht  kommt.  Volkswirtschaftlich  haben  diese  keine  besondere  Bedeutung.  Eine
gewisse  Zahl  von  Aktiengesellschaften  entsteht  als  „Familiengründung".  Die  Form  der
Aktiengesellschaft  dient  der  Erhaltung  der  Unternehmung  in  gemeinsamem  Besitz  der
Erben,  von  denen  vielleicht  keiner  sich  zum  Leiter  eines  solchen  Betriebes  eignet.

*)  Über  die  Zahl  und  das  Aktienkapital  der  Aktiengesellschaften,  die  in  den  Jahren  1890
bis  1904  in  Deutschland  gegründet  wurden,  gibt  der  „Deutsche  (Ökonomist"  (Nr.  pso  vom  7.  Januar
(905  S.  3  Sp.  0  die  folgende  Übersicht:

Zahl

Aktienkapital

der  gegründeten

insgesamt  durcbschnittlich  auf  jede  Gesellschaft

Gesellschaften

Millionen  Mark

Millionen  Mark

1890

...  230

270,99

1,16

1891

...  160

90,24

0,56

1892

...  127

70,82

0,63

1893

...  95

77,26

0,81

1894

...  92

88,26

0,96

1895

...  161

250,68

1,56

1896

...  182

268,58

1,48

1897

.  .  .  254

380,47

1,50

1898

...  329

463,62

1,40

1899

...  364

544,39

1,49

1900

...  261

340,46

1,30

1901

...  158

158,25

1,02

1902

...  87

118,53

1,36

1903

...  84

300,04

3,57

1904

...  104

140,65
(Zusatz  des  Herausgebers.)

1,35
            
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