Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

120  Zweiter  Teil.  Handel.  V.  Handelsunternehmung  re.
dgl.  nicht  mit  ihnen  zu  vergleichen.  In  den  Gilden  könnten  noch  am  ersten  Anklänge
an  die  heutigen  Kartelle  gefunden  werden.  Aber  ursprünglich  waren  sie  bloße  Schutzverbände, ­
  und,  wenn  sie  allerdings  auch  Preisvereinbarungen  statuierten,  traten  auch
bei  ihnen  die  monopolistischen  Tendenzen  doch  immerhin  zurück  hinter  dem  gesellschaftlichen
und  religiösen  Charakter  dieser  Vereinigungen.  Die  Preisvcreinbarungen  zwischen
ihren  Mitgliedern  lassen  sich  vielleicht  in  ähnlicher  Weise  erklären,  wie  heute  die
Zusammenkünfte  der  Unternehmer  in  den  Fachvereinen  den  Anstoß  zu  den  Kartellen
geben  können.  Alle  diese  mittelalterlichen  Organisationen  dienten  in  erster  Linie  der
Erhaltung  des  ganzen  Standes  und  seiner  nicht  nur  wirtschaftlichen,  sondern  auch
politischen  Machtstellung;  sie  sind  größtenteils  aus  sozialen  Zwecken  hervorgegangen.
Was  dagegen  heute  die  Unternehmer  in  den  Kartellen  zusammenführt,  ist  das  individuelle
Gewinninteresse,  das  in  der  Gemeinschaft  mit  anderen  die  größte  Möglichkeit  seiner
Befriedigung  erkennt.  Die  Tatsache,  daß  die  heutigen  Kartelle  vorzugsweise  auf  dem
Gebiete  der  Produktion  bestehen,  beweist,  daß  sie  erst  in  der  neuesten  Zeit  entstanden
sind.  Denn  wie  lange  ist  es  her,  daß  sich  der  Konkurrenzkampf,  dieser  Hauptentstehungsgrund ­
  der  Anternehmerverbände,  auf  dem  Gebiete  der  Produktion  in  höherem  Maße
geltend  machte?  Solange  er  nur  ein  temporärer  war,  die  Produktionsunternehmer  nur
gleichsam  zufällig  durch  das  Zusammentreffen  auf  demselben  Markte  in  Konkurrenz
traten,  war  an  Vereinbarungen  zwischen  ihnen  nicht  zu  denken;  die  Kartelle  entstehen
erst  bei  ständiger  Konkurrenz.  Daher  werden  die  ersten  Kartelle  in  denjenigen
Produktionszweigen  entstanden  sein,  in  denen  die  natürlichen  Produktionsbcdingungen
schon  frühzeitig  eine  solche  ständige  Konkurrenz  ermöglichten,  wie  das  im  Bergbau
infolge  der  eng  begrenzten  Lagerstätten  der  betreffenden  Naturprodukte  der  Fall  ist,
zumal  hier  auch  die  örtliche  Konzentration  Vereinbarungen  wesentlich  erleichtert.  Die
ältesten  bisher  bekannt  gewordenen  Kartelle  sind  die  aus  den  achtziger  Jahren  des
18.  Jahrhunderts  datierenden  Vereinbarungen  der  Kohlengrubenbesitzer  am  Tyne  und
Wear.  Diese  Kartelle  sind  nach  Cohn  zustande  gekommen,  um  die  Regellosigkeit  der
Kohlcnproduktion  zu  beseitigen,  die  zur  Folge  hatte,  daß  die  Gruben  mit  höheren
Produktionskosten  nicht  fortarbeiten  konnten,  also  anscheinend  infolge  heftigen  Konkurrenzkampfes ­
  und  Anterbietens  in  den  Preisen.
Ein  Zeitraum  von  ca.  50  Jahren  liegt  zwischen  jenen  ersten  uns  bekannt  gewordenen
Kartellen  und  den  zweiten  Erscheinungen  dieser  Art,  und  zwar  ist  es  jetzt  Deutschland,
das  ein  höchst  eigenartiges  Kartell  in  den  dreißiger  Jahren  aufweist.  1836  wurde
nämlich  zwischen  den  staatlichen  und  den  beiden  privaten  Alaunfabriken  Preußens  ein
Kartell  geschlossen,  das  bis  zum  Jahre  1844  bestand.  In  den  zwanziger  Jahren  sollen
auch  schon  Versuche  gemacht  worden  sein,  ein  Kohlenkartell  in  Westfalen  zustande
zu  bringen.  Aus  den  dreißiger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  wird  auch  von  einem
Verbände  nordenglischer  Reeder  berichtet,  die  gemeinsame  Frachtsätze  vereinbarten.  Im
übrigen  sind  uns  Kartelle  aus  jener  Zeit  nur  in  Frankreich  bekannt  geworden.  Claudio-Jannet
  erwähnt  Verbände  von  Transport-  und  Versicherungsanstalten  aus  den  dreißiger
und  vierziger  Jahren.  1838  entstand  ein  Kartell  französischer  Sodafabrikanten,  welches
als  Auftragskontingentierung  eingerichtet  war  und  bestimmte  Preise  festsetzte.  Eine
Überproduktion  scheint  die  Veranlassung  zu  demselben  gewesen  zu  sein,  denn  es  wurden
auf  Kosten  des  Verbandes  einige  Fabriken  stillstehend  gehalten.  1842  wurde  die
Zociete  ckurbonniere  6e  Is  Loire  gegründet,  die  von  Proudhon  erwähnt  wird.
Hier  ist  es  der  heftige  Konkurrenzkampf  gewesen,  der  die  Unternehmer  zur  Kontingentierung ­
  der  Aufträge  und  zur  Regelung  der  Produktion  veranlaßte.  Der  Verband
scheint  aber  schon  zwei  Jahre  darauf  in  einen  förmlichen  Trust  verwandelt  worden  zu
sein,  der  also  die  erste  derartige  Gründung  darstellen  würde.  In  den  vierziger  Jahren
forderten,  wie  Brentano  mitteilt,  die  englischen  Grubenarbeiter  die  Bergwerksbesitzer
auf,  statt  die  Löhne  herabzusetzen,  den  Konkurrenzkampf  durch  Vereinbarungen  zu
            
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