168 Zweiter Teil. Landet. VIII. Der Wettbewerb im Lande! re.
Fehlen der Konkurrenz von der einen Seite die Arsache. I. St. Mill sagt, das Ver
langen nach Schuh gegen Konkurrenz bedeute Enthebung von der Notwendigkeit, so
fleißig und so geschickt zu sein wie andere Leute.
Aber schon Fichte nennt die freie Konkurrenz ein Raubsystem, Michel Chevalier
ein Schlachtfeld, auf dem die Kleinen von den Großen verschlungen werden. Fourier
meint, sie erzeuge den Betrug im Landet und die allgemeine Spitzbüberei. Nach
Louis Blanc ist sie ein System der Vernichtung für die Annen, qui prepare ä
l’avenir une generation decrepite, estropiee, gangrenee, pourrie; der Verweis
auf die Billigkeit sei eine Täuschung, da sie nicht anhalte, der dem marche, ruft er,
ist eine Keule, mit welcher der reiche Produzent den armen totschlägt, der Linterhalt,
in welchen der kühne Spekulant den Fleißigen lockt, das Todesurteil für den Fabri
kanten, der im Moment die teure Maschine seines Konkurrenten nicht anschaffen kann;
der dem marche ist der Exekutor der Meisterstücke des Monopols, der Vernichter
des Mittelstandes. Die Konkurrenz, sagt Engels, ist der vollkommenste Ausdruck des
in der modernen bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Krieges aller gegen alle; es ist
ein Krieg um das Leben, um die Existenz, im Notfall auf Leben und Tod. Die Kon
kurrenz ist die schärfste Waffe der Bourgeoisie gegen das Proletariat.
Proudhon erkennt beide Seiten; für ihn ist die Konkurrenz einerseits der Aus
druck der sozialen Spontaneität, das Sinnbild der Demokratie und Gleichheit, die
Stütze der Assoziation, die Triebfeder der individuellen Kräfte, der Sieg der Freiheit
und Selbstverantwortlichkeit, der Bekämpfer der Faulheit; aber andererseits trägt die
Konkurrenz den Mordinstinkt an der Stirne, untergräbt alle Begriffe von Billigkeit
und Gerechtigkeit, vermehrt die wirklichen Kosten, erzeugt bald Teuerung, bald Ent
wertung; sie verdirbt das öffentliche Gewissen, indem sie das Spiel an die Stelle des
Rechtes setzt, und erzeugt überall Mißtrauen und Schrecken. Aber, fügt er mit
richttgem Instinkt bei, man muß die Konkurrenz nicht zerstören, sondern ihre Polizei finden.
Der gewöhnlichste Vorwurf ist heute, und zwar nicht bloß bei den Sozialisten,
sie erzeuge die sogenannte Anarchie der Produktion, den Wechsel von Überangebot
und Anterangebot, die Krisen, sie sei schuld an der allgemeinen Korruptton des Ver
kehrs, und ihr letztes Resultat sei stets oder häufig das Monopol und die Ausbeutung.
Man könnte sagen, die meisten dieser entgegengesetzten Arteile seien ebenso falsch
wie wahr. Oder vielmehr, sie seien gar nicht entgegengesetzt, sowenig wie die Aus-
sprüche zweier Ärzte, eine kleine Dosis von Arsenik belebe die Lerztätigkeit, eine große
lähme sie und töte den Menschen.
Was wir Konkurrenz nennen, sind komplizierte gesellschaftliche, halb psychische,
halb materielle Vorgänge sehr verschiedener Art, und darum haben sie verschiedene
Folgen. Nur indem man die Personen und Personenkreise, die Größe oder Enge des
Marktes, die Vcrkehrsverhältnisse, die psychologische und sittliche Atmosphäre, die mit
wirkenden Rechtsinstttuttonen unterscheidet, kann man zu einem wohlbegründeten Arteil
kommen. Nichts ist falscher als die Vorstellung, die Konkurrenz oder die freie Kon
kurrenz sei eine einfache gesellschaftliche Einrichtung oder eine Verfaffungsform der Volks
wirtschaft, die man durch Gesetz dekretieren könne, und die dann stets bestimmte gleiche
Folgen habe, ein im voraus bestimmtes Maß von Wettbewerb, eine bestimmte Wirkung
auf die Preise oder auf die Produktion erzeuge. Der eine, der freie Konkurrenz verlangt,
denkt an die Beseittgung des Zunftwesens, der andere an die aller Schutzzölle, der
dritte an die Anterdrückung der Kartelle und Gewerkschaften. Mag die äußere Rechts
ordnung der Volkswirtschaft oder des Marktes viel ausmachen für das Maß von
Konkurrenz, das entsteht oder vielmehr entstehen kann: das erste bleibt die Zahl und
die Art der im einzelnen Geschäftsgebiet vorhandenen Menschen, die für sie vorhandene
Verkehrsmöglichkeit, ihre gegenseitige Beeinflussung, das Maß ihres Erwerbstriebes,
ihre Rücksichtslosigkeit und alles derarttge.