Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

190

Zweiter  Teil.  Lande!.  IX.  Märkte  und  Messen.

Der  Eintausch  bezweckt,  Produkte  zu  erlangen,  die  im  eigenen  Stamme  gar  nicht
oder  doch  nicht  so  gut  und  kunstvoll  erzeugt  werden  können,  wie  bei  den  Nachbarstämmen. ­
  Das  muß  dann  jeden  Stamm  wieder  veranlassen,  diejenigen  seiner  Erzeugnisse ­
  in  überschüssiger  Menge  hervorzubringen,  welche  bei  anderen,  sie  nicht  selbst
gewinnenden  Stämmen  geschätzt  sind,  weil  gegen  diese  das  am  leichtesten  zu  erlangen
ist,  was  man  nicht  selbst  besitzt,  was  jedoch  andere  im  Überflüsse  erzeugen.  In  jeden:
Stamme  aber  verfertigt  jede  Einzelwirtschaft  die  bevorzugte  marktgängige  Tauschware,
und  dies  bewirkt,  wenn  es  sich  um  ein  hausgewerbliches  Erzeugnis  wie  Tongeschirr
oder  Rindenzeug  handelt,  daß  ganze  Dorfschaften  und  Stammgebiete  den  Reisenden
wie  große  Industriebezirke  erscheinen,  obwohl  es  keine  Berufshandwerker  gibt  und  jede
Familie  alles  selbst  herstellt,  was  sie  braucht,  mit  Ausnahme  der  wenigen  nur  bei
fremden  Stämmen  gemachten  Artikel,  an  die  man  sich  gewöhnt  hat,  und  die  ihnen  der
Tausch  als  bloßer  Lückenbüßer  der  Eigenproduktion  verschafft.
Das  ist  der  einfache  Mechanismus  des  Marktes  hei  den  Naturvölkern.  And
nun  das  Geld!  Wieviel  ist  über  die  mancherlei  Geldarten  bei  den  Naturvölkern
geschrieben  und  vermutet  worden,  und  wie  einfach  erklärt  sich  doch  ihre  Entstehung!
Geld  ist  für  jeden  Stamm  diejenige  Tauschware,  die  er  nicht  selbst
hervorbringt,  wohl  aber  von  Stammfremden  regelmäßig  eintauscht.  Denn
sie  wird  ihm  naturgemäß  zum  allgemeinen  Tauschmittel,  gegen  das  er  seine  Produkte
hingibt;  sie  ist  für  ihn  das  Wertmaß,  nach  dem  er  den  eigenen  Besitz  schätzt,  der  in
anderer  Weise  gar  nicht  liquidierbar  ist;  in  ihr  erblickt  er  seinen  Reichtum,  denn  er
kann  sie  nicht  willkürlich  vermehren;  sie  wird  auch  bald  unter  Stammesgenossen  zur
Wertübertragung  benutzt,  denn  sie  ist  wegen  ihrer  Seltenheit  allen  gleich  willkommen.
Daher  die  von  unseren  Reisenden  so  häufig  beobachtete  Erscheinung,  daß  in  jeden:
Stamme,  ja  oft  von  Dorf  zu  Dorf  ein  anderes  Geld  üblich  ist,  daß  eine  Sorte
Muscheln  oder  Perlen  oder  Baumwollzeug,  für  die  man  heute  alles  kaufen  kann,
schon  an:  Orte  des  nächsten  Nachtlagers  von  niemandem  mehr  genommen  wird,  was
dann  wieder  die  Folge  nach  sich  zieht,  daß  sie  erst  die  gangbare  Tauschware  kaufen
müssen,  ehe  sie  auf  dem  Markte  sich  versorgen  können.  Daher  auch  die  weitere
Beobachtung,  daß  in  der  Natur  nur  in  örtlich  beschränktem  Maße  vorkommende
Tauschwaren,  wie  Salz,  Kolanüsse,  Kaurimuscheln,  Kupferbarren,  oder  Erzeugnisse
seltener  Kunstfertigkeit,  wie  Messingdraht,  eiserne  Spaten,  tönerne  Taffen,  Rindenstoffe,
bei  vielen  Stämmen,  die  ihrer  entbehren,  als  Geld  genommen  werden.  Vor  allem
auch  die  bekannte  Erscheinung,  daß  Gegenstände  des  Außenhandels,  wie  europäische
Baumwollzeuge,  Flinten,  Pulver,  Messer,  zu  allgemeinen  Tauschmitteln  werden.
Markt  und  Geld  hängen  eng  zusammen,  soweit  das  Geld  in  seiner  Eigenschaft
als  Tauschmittel  in  Betracht  kommt;  aber  nicht  jede  einzelne  Geldart,  die  sich  bei
einem  Naturvolke  findet,  muß  aus  dem  Marktverkehre  hervorgegangen  sein.  In  seiner
vollen  Ausbildung  ist  das  Geld  eine  so  verwickelte  soziale  Erscheinung,  daß  die  Vermutung ­
  nahe  liegt,  es  seien  in  ihr  verschiedene  Entwicklungsmomente  zusammengeflossen.
So  scheint  z.  B.  das  Viehgeld  seine  Wurzel  in  der  Tatsache  zu  finden,  daß  die
Laustiere  bei  den  betreffenden  Völkern  die  Repräsentanten  des  Reichtums  und  das
Mittel  der  Vermögensansammlung  bildeten.  Auch  die  Beobachtung,  daß  manche
Stämme  für  den  Brautkauf  und  ähnliche  Zwecke  die  gangbare  Geldart  nicht  zulassen,
sondern  dafür  bestimmte  andere  Vermögensstücke  vorschreiben,  scheint  auf  die  Zulässigkeit'
der  Annahme  hinzuweisen,  es  möchten  neben  der  Lauptströmung  noch  verschiedene
Nebenströmungen  bei  der  völligen  Ausbildung  des  Geldwesens  wirksam  gewesen  sein.
Für  die  gesamte  Kulturentwicklung  der  Menschheit  bleibt  von  den  Ergebnissen
dieser  Betrachtung  aber  doch  die  Tatsache  am  wichtigsten,  daß  in  dem  Gelde  als  der
bevorzugten  Tauschware  ein  Mittel  gefunden  war,  welches  die  Menschen  von  Stamm
zu  Stamm  in  regelmäßigem,  friedlichem  Verkehre  verband  und  einer  Differenzierung
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.