Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Märkte  und  Messen  im  Mittelalter  und  in  der  neueren  Zeit.  191

der  Stämme  in  Rücksicht  der  Produktion  die  Wege  bahnte.  Darin,  daß  alle
Angehörigen  des  gleichen  Stammes  oder  Dorfes  ein  bestimmtes  Produktionsgebiet
neben  dem  Nahrungsmittelerwerb  mit  Vorliebe  anbauten,  lag  allein  die  Möglichkeit
eines  Fortschritts  der  technischen  Einsicht  und  Geschicklichkeit;  es  war  eine  internationale
oder  interlokale  Arbeitsteilung  im  Kleinen,  der  erst  viel  später  die  nationale  und  lokale
Arbeitsteilung  von  einem  Individuum  zum  andern  folgte,  und  auch  die  unmittelbare
Bedeutung  des  Marktes  für  den  persönlichen  Verkehr  darf  man  auf  dieser  Stufe
nicht  unterschätzen,  zumal  in  Ländern,  wo  ein  Gütertausch  außerhalb  des  Marktes
so  ungewöhnlich  ist,  daß  man  selbst  die  Reisenden,  welche  etwas  aus  der  Land  kaufen
möchten,  regelmäßig  mit  den  Worten  abweist:  „Kommt  auf  den  Markt!"  Man  wird
dabei  unwillkürlich  an  die  hervorragende  Stellung  erinnert,  welche  der  Markt  im
sozialen  und  politischen  Leben  der  Völker  des  klassischen  Altertums  einnahm.

2.  Märkte  und  Messen
im  Mittelalter  und  in  der  neueren  Zeit.
Von  Wilhelm  Roscher  und  Wilhelm  Stieda.
Roscher,  Nationalokonomik  des  Handels  und  Gewerbfleißes.  7.  Aufl.,  bearbeitet  von
Sticba.  Stuttgart,  I.  <5.  Cotta  Nachfolger,  4899.  S.  —\56  und  5.  iss—\66.
Im  Mittelalter  war  cs  bei  Gründung  einer  Stadt  sehr  gewöhnlich,  ihr  ein
Marktprivilegium  zu  erteilen.  Man  begünstigte  den  Markt  negativ,  indem  alle  hier
geschehenen  Verkäufe  auch  ohne  die  sonst  vorgeschriebenen  Förmlichkeiten  Geltung  hatten,
positiv  durch  besondere  Einschärfung  der  Rechtssicherheit,  Errichtung  obrigkeitlicher
Wagen  2c.  Dabei  verbietet  z.  B.  der  Sachsenspiegel,  innerhalb  einer  Meile  von  einem
Marktort  einen  andern  anzulegen.  Wenn  man  die  (insgemein  erst  später  auftauchenden)
Wochenmärkte,  die  Jahrmärkte  und  Messen  wirtschaftlich  so  unterschieden  hat,  wie
Lökerei,  Klein-  und  Großhandel,  oder  rechtlich  danach,  daß  die  Bewilligung  der  ersten
von  der  Ortsobrigkeit,  die  der  zweiten  von  der  Landesherrschaft  abhing,  während  die
einer  Messe  kaiserliches  Reservatrecht  blieb,  so  ist  die  Grenze  dazwischen  doch  keine  scharfe.
Als  die  Rechtssicherheit  aufgehört  hatte,  ein  besonderer  Vorzug  der  Marktörter
und  -zeiten  zu  sein,  begünsügte  man  nicht  bloß  alle  Märkte  durch  eine  Menge  von
Einrichtungen  zur  Bequemlichkeit  der  Marttbesucher,  sondern  die  Wochen  Märkte
speziell  auch  dadurch,  daß  man  den  Produzenten  der  marktpflichtigen  Waren  jeden
Verkauf  außerhalb  des  Marktes  verbot.  Jedenfalls  sind  Wochenmärkte  für  schnellverderbliche
  Lebensmittel  in  einer  Stadt,  welche  schon  nicht  mehr  viele  Selbstproduzenten
und  noch  immer  nicht  viele  Vorratskäufer  jener  Waren  im  Großen  unter  ihren
Bewohnern  zählt,  ein  so  dringendes  Bedürfnis,  daß  seine  Befriedigung  auch  mit
einigen  Opfern  nicht  zu  teuer  bezahlt  wird.  —  Die  Äauptbedeutung  der  Jahrmärkte
hat  langezeit  darin  bestanden,  daß  sie  das  städtische  Bann-  und  Zunftprivilegium
unterbrachen,  den  Kaufleuten  freies  Geleit  trotz  etwaiger  Geldschulden  sicherten,  reichen
Gewinn  an  Zollerträgen  brachten,  vielleicht  auch  als  Schauplätze  der  Volksbelustigung
dienten.  Am  natürlichsten  empfehlen  sich  zwei  solche  Märkte  für  jedes  Jahr,  weil  sich
die  Kleidungsstücke  und  auch  die  meisten  Geräte  in  sommerliche  und  winterliche  gruppieren,
—  also  Frühlings-  und  Lerbstmarkt;  im  hohen  Norden,  wo  diese  Jahreszeiten  unfahrbar
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.