Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Fondsbörse. 21 l 
jahrein an das mobile Kapital gestellt werden. Indem sich nun alle diese Amsähe an 
der Börse konzentrieren, geschieht das nicht in der Weise, daß jedem Angebot und 
jeder Nachfrage sofort eine entsprechende Nachfrage oder ein entsprechendes Angebot 
gleicher Art und gleichen Amfanges gegenübersteht. Ich brauche nur einige Beispiele 
anzuführen. Es kommt alle Tage vor, daß Beträge 3prozentiger preußischer Konsols 
zum Verkaufe angeboten sind, gesucht wird aber Zprozentige Reichsanleihe. Es kommt 
alle Tage vor, daß westpreußische Pfandbriefe zum Verkauf angeboten sind, daß aber 
nur Käufer vorhanden sind für ostpreußische. Sie erinnern sich der Zeit, wo alle 
Welt in Deutschland russische Papiere verkaufen wollte; es waren keine ernstlichen 
Kapitalisten da, die russische Wertpapiere kaufen wollten. Amgekehrt ist die Zeit noch 
gar nicht so weit entfernt, wo alle Welt in Deutschland italienische Papiere kaufen 
wollte, aber es waren keine ernsthaften Verkäufer für italienische Papiere vorhanden. 
And wenn heute Reichs- oder Staatsanleihen emittiert werden, dann sind nicht gleich 
die endgültigen Käufer für die gesamten Anleihen vorhanden; es wird nur ein Teil 
dieser Anleihen sofort untergebracht; der Rest muß allmählich Anterkunst suchen. 
Die Aufgabe des Börsenhandels besteht nun darin, überall da einzutreten, wo 
einer Nachfrage nicht sofort in derselben Art und demselben Amfange das entsprechende 
Angebot gegenübersteht, und umgekehrt. In allen diesen Fällen soll der Börsenhandel 
bewirken, daß die wirtschaftlichen Zwecke, die mit der Nachfrage verfolgt werden, er 
füllt werden können, wenngleich gar kein endgültiger Kapitalist vorhanden ist, der ein 
entsprechendes Angebot macht, und umgekehrt, daß die wirtschaftlichen Zwecke, die mit 
dem Angebot verfolgt werden, sofort erfüllt werden können, während gar kein end- 
gülttger Käufer vorhanden ist. 
Die Geschäfte an der Börse wickeln sich aber nicht so ab, daß etwa nun ein 
Börsenhändler die angebotenen Wertpapiere kaust und sie sich Wochen- und monate 
lang in den Kasten legt. Damit würde weder ihm noch der Allgemeinheit gedient 
sein: der Allgemeinheit deswegen nicht, weil, wenn jemand Wochen- und monatelang 
ein Kursrisiko übernehmen soll, er einen sehr erheblichen Kursabschlag fordern muß, 
und dem Börsenhändler nicht, weil er dadurch seine Mittel festlegen und es ihm un 
möglich sein würde, sich an künftigen, alle Tage von neuem herantretenden Geschäften 
zu beteiligen. Der Börsenhändler will das eingegangene Engagement sofort erledigen. 
Findet er nicht gleich jemand, der als endgültiger Käufer oder Verkäufer eintritt, so 
übergibt er das Engagement einem anderen, der seinerseits sucht, daß er einen end 
gültigen Käufer oder Verkäufer findet. And so wechseln die Geschäfte, die nur einen 
einzigen Eigentumsübergang von dem endgültigen Verkäufer aus den endgültigen Käufer 
zum Zwecke haben, oft 10—20 mal die Äände. Sie kleiden sich alle in die Form 
von Kaufs- und Verkaufsgeschäften, haben aber den Kauf oder den Verkauf gar nicht 
zum Selbstzweck, sondern sind nur Teile der Vermittlung, die darin besteht, den end 
gültigen Käufer oder Verkäufer ausfindig zu machen. Indem alle diese Zwischen 
transaktionen mit der Amsatzsteuer belegt werden, werden sie unmöglich gemacht. 
Diese Tätigkeit der Börse und des Börsenhandels ist notwendigerweise eine 
spekulative, und Ausschreitungen in der Spekulation kommen bedauerlicherweise vor. 
Sie werden von uns und von Ihnen ebenso bedauert und ebenso verurteilt wie von 
irgend jemand anders. Aber die Nachteile, die aus diesen Ausschreitungen entstehen, 
sind minim im Verhältnis zu den ungeheuren wirtschaftlichen Vorteilen, welche ein 
gesunder und kräftiger Börsenhandel für die Allgemeinheit in sich birgt. 
Aus dem, was ich auseinandergesetzt habe, geht hervor, daß der Börsenhandel 
einem wirtschaftlichen Bedürfnisse entsprungen ist, und daß die wirtschaftlichen Be 
dürfnisse nicht befriedigt werden können ohne einen starken Börsenhandel. Tritt hier 
irgend eine Stockung ein, so macht sich das in allen Zweigen des wirtschaftlichen 
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