238 Zweiter Teil. Lande!. XI. Geldwesen und Kapitalismus.
lichen Leben zu bezeichnen, so muß zugleich dabei hervorgehoben werden, daß ein
Steigen der Preise ebenso wie ein Sinken seine Nachteile hat, nicht allein für die
Verbraucher der Waren, sondern auch für die Fabrikanten und Kaufleute, sofern
dadurch ihre Tätigkeit überspannt werden und einen verlustvollen Rückschlag erleiden kann.
Endlich ist noch die Klage zu erwähnen, daß ein Steigen des Geldwerts alle
Personen benachteiligt, die zu festen Geldzahlungen verpflichtet seien. Solch
ein Nachteil ist nur für diejenigen zugegeben, bei denen infolge eines Sinkens der
Preise die Einnahmen mehr als die Ausgaben sich verringert haben. Linsichtlich der
Gelddarlehen ist die Tatsache bemerkenswert, daß der Zinsfuß niedriger geworden ist.
Auch ist zu beachten, daß dieselben Menschen, die bei gesunkenen Preisen Schulden
aus dem geringeren Erlös ihrer Verkäufe zahlen müssen, auch für ihre Einkäufe
weniger Geld aufzuwenden haben. Jedenfalls würde ein Sinken des Geldwerts in
umgekehrter als der angegebenen Weise die Gläubiger zugunsten der Schuldner
schädigen. Keine der beiden Klassen verdient aber vor der anderen bevorzugt zu werden;
ein Irrtum ist es, die Schuldner durchweg als die schwächere Partei anzunehmen.
Zm internationalen Kreditverkehr ist Deutschland mehr Gläubiger als Schuldner und
würde daher im ganzen durch ein Sinken des Geldwerts geschädigt werden.
Zm vorigen habe ich mich mit den Gegnern unserer Währung hinsichtlich ihrer
Auffassung und Beurteilung der Tatsachen auseinandergesetzt und nachgewiesen, daß sie
hierin, wenn auch nicht in allen Punkten, so doch großenteils sich im Anrecht befinden.
Sind dadurch die Angriffe auf unsere Währung zurückgewiesen, so empfiehlt es sich
doch noch zu prüfen, welches Leilmittel die Gegner für die nach ihrer Ansicht
durch die Goldwährung hervorgerufenen Schäden vorschlagen, welche Lösung der
Währungsfrage sie erstreben.
Bei dieser Prüfung fasse ich nur die verständigsten der Gegner ins Auge.
Diese wünschen die Einführung der internationalen Doppelwährung. Die haupt
sächlich in Betracht kommenden Staaten sollen durch einen Vertrag bestimmen, daß in
ihnen Gold und Silber nach einem festen Wertverhältnis frei auszuprägen und in
unbeschränkter Menge als gesetzliche Zahlungsmittel anzunehmen sind.
Was soll hierdurch erreicht werden? Befestigung des Wertverhältnisses
zwischen Gold und Silber, Vermehrung des Geldes, allgemeine Steige
rung der Preise und, falls das Wertverhältnis des Silbers zum.Golde günstiger
als gemäß dem derzeitigen Marktpreis des Silbers festgesetzt wird, Steigen des
Silberwertes. — Darauf ist folgendes zu erwidern.
Die Befestigung des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber ist ein gutes
Ziel; könnte sie ohne Nachteil erreicht werden, so wäre dies ein großer Gewinn.
Die Vermehrung des Geldes, die durch ein Einströmen des Silbers in die Münzen
bewirkt würde, ist überflüssig, da kein Mangel an Geld vorhanden ist. Ist sie aber
überflüssig, so ist sie zugleich unwirtschaftlich. Es liegt keine Veranlassung vor,
den Silberbesitzern eine unbegrenzte Möglichkeit für die Verwertung ihrer Ware zu
gewähren.
Die von einer erheblichen Geldvermehrung zu erwartende Geldverbilligung und
Preissteigerung würde für eine solide Entwickelung der wirtschaftlichen Tätigkeit gefährlich
und für alle Käufer, deren Einnahmen, z. B. Arbeitslöhne nicht in gleichem Maße wie
die zu zahlenden Preise sich erhöhen, nachteilig sein. Namentlich gilt dies für die
Personen, die feste Geldsummen zu erhalten haben, alle Beamten mit festem Gehalt,
alle Gläubiger bis herab zu den Sparkasseneinlegern. Auch die Staaten würden
hinsichtlich ihrer Finanzen von einer derartigen Preisbewegung betroffen werden.
Die geschilderten Schädigungen würden sich um so mehr verschärfen, je höher
der Wert des Silbers gegenüber seinem derzeitigen Marktpreis in dem Vertrage fest
gesetzt würde. Durch eine solche höhere Festsetzung würde den Silberbesitzern ein