242 Zweiter Teil. Landet. XI. Geldwesen und Kapitalismus.
Nach einer Denkschrift, die der Geheime Oberbergrat Or. Lauchecorne im Jahre
1894 für die Deutsche Silberkommission ausgearbeitet hat, kamen damals schon von
der gesamten Goldproduktion etwa 70°/o aus regelrechtem Bergwerksbetrieb und nur
30°lo aus der Goldwäscherei, während anderthalb Jahrzehnte vorher der Bergbau
gegenüber der Wäscherei noch eine ganz untergeordnete Rolle gespielt hat. Das
Verhältnis hat sich inzwischen noch weiter zugunsten des Bergbaus verschoben.
Diese Wandlung ist deshalb von ganz besonderer Wichtigkeit, weil der Gang
bergbau eine weit größere Nachhaltigkeit der Goldgewinnung gewährleistet als die
Ausbeutung oberflächlicher Goldablagerungcn. Während auch die reichsten Goldfelder
infolge der Leichtigkeit der Goldgewinnung stets in kurzer Zeit erschöpft werden, kann
der Abbau beim Bergwcrksbetricb nur allmählich vor sich gehen. Dazu kommt, daß
die neueren Erfahrungen gezeigt haben, daß die ftüher häufig vertretene Annahme,
daß die Gänge in der Tiefe verarmen, keineswegs allgemein zutrifft, daß vielmehr der
Abbau nach der Tiefe bei den wichtigsten Goldbergwerken so weit lohnend bleibt, als
sich die Gänge überhaupt erstrecken.
Das Überwiegen der bergmännischen Goldgewinnung in der neuesten Zeit hat die
hauptsächlich von dem Wiener Geologen Eduard Sueß mit Nachdruck vertretene und viel-
fach gläubig aufgenommene Ansicht widerlegt, daß der Goldbergbau aus geologischen
Gründen keine Zukunft haben könne, und daß deshalb mit der Erschöpfung der Schwemm
lande ein unaufhaltsamer Rückgang der Goldproduktion einsetzen müsse. Sueß ging davon
aus, daß der weitaus größte Teil der Goldgewinnung — er berechnete diesen Teil auf nicht
weniger als neun Zehntel — aus Alluviallagern stamme, die einen ungewöhnlich großen,
aber rasch erschöpfbaren Goldreichtum enthalten. Je weiter unsere Kenntnis der Erd
oberfläche fortschreite, um so geringer werde die Wahrscheinlichkeit der Entdeckung neuer
und reichhaltiger Waschgoldlager. Der Bergbau auf Gold werde für diesen Ausfall
wegen des unzuverlässigen und spärlichen Goldvorkommens in hartem Gestein keinen
Ersatz bieten können; daher müsse mit Notwendigkeit ein allmähliches Versiegen der
Goldgewinnung eintreten.
Wenn jemals eine Theorie schlagend durch die Tatsachen widerlegt worden ist,
dann ist der Sueßschen Theorie eine solche Widerlegung zu teil geworden. Die
bekannten Schwemmlande sind nahezu gänzlich erschöpft, und die Goldgewinnung ist
beträchtlich höher als jemals zuvor. Die Fortschritte der Technik haben ein angebliches
Naturgesetz überwunden. Mit Recht schreibt Lcxis über diese wichtige Frage:
„Wenn früher nach Sueß neun Zehntel alles Goldes aus den Wäschereien
stammte, so werden gegenwärtig vier Fünftel des außerhalb Sibiriens gewonnenen
Goldes durch Quarzbergbau geliefert, und da man jetzt im stände ist, Quarz mit
Vorteil zu verarbeiten, das nur V« Anze Gold auf die Tonne enthält, und auch das
in Schwefelkiesen enthaltene, dem gewöhnlichen Amalgamationsverfahren nicht erreichbare
Gold durch neue Methoden immer vollständiger extrahiert wird, so ist eine bedeutende
und nachhaltige Goldproduktion noch auf viele Jahrzehnte, vielleicht auf Jahrhunderte
gesichert. . . . Die gegenwärtige Zunahme der Produktion kann natürlich nicht lange
fortdauern, auch wird die Entdeckung neuer reicher Fundstätten in der Zukunft innner
seltener werden, während sich die alten allmählich erschöpfen müssen. Aber eine
wirkliche Goldknappheit liegt in so weiter Ferne, daß sie für die wirtschaftlichen Fragen
der Gegenwart ebensowenig in Betracht kommt, wie etwa die Erschöpfung der
Kohlenlager der Erde."
Anmerkung. Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie. Jahrgang,90-t. Bd. I.
Berlin, Georg Rein,er, tg05. 5. tS5- „Nach den vorläufigen Schätzungen des amerikanischen
Münzdirektors Roberts wurde im Jahre tgoz Gold im werte von 225,5 Millionen Doll, gewonnen.