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6. Licht- und Schattenseiten des Kapitalismus.
blutig gescheuert, bis zum Knie in dem zähen Schlamm herumgehetzt werden, ist ein
geradezu mitleiderregender. Sie sollen die Arbeit auch durchschnittlich nur ein Jahr
aushalten, dann gehen sie an Luffäule rc. zugrunde, und man nimmt deshalb nur billige,
alte Kreaturen, die man hier zu Tode hetzt. — Wer nachher das glänzende Metall im
Gebrauch hat, ahnt meist gar nicht, wie viel menschliches und tterisches Elend seine
Gewinnung verursachte.
Daß die Arbeiter in den Minen durchweg Indianer sind, ist wohl selbstverständlich;
sie arbeiten jetzt meist im Stücklohn: die Lauer verdienen in den besseren Gruben
1—1 Vz Dollar pro Tag, die Schlepper ca. 65 Centavos, die Arbeiter über Tage
35—90 Centavos. Das alte partido (Anteils)-System hat sich nicht bewährt. Dabei
erhielten die Lauer 50 Centavos festen Lohn und 8% vom Erz, mußten aber das
Dynamit liefern. Viele arbeiteten jedoch nur so viel, um das Geld für den Spreng
stoff zu verdienen, die weiteren 50 cts. genügten ihnen zum Leben, und, was das
Schlimmste war, sie nahmen nur das allerbeste Erz, so daß weniger gute Gänge nur
mit Verlust zu bearbeiten waren. Ein Beweis, wie alle diese vielgerühmten Löhnungs
methoden nur da am Platze sind, wo eine intelligente Arbeiterbevölkerung ihre Vor
teile zu nutzen versteht.
Latte ich in Pachuca die alten und, wie es scheinen möchte, veralteten Arbeits
weisen kennen gelernt, so ritt ich am nächsten Morgen mit meinem Gastfreunde, einem
deutschen Bergwerksdirektor, über die Berge nach dem berühmten Real del Monte,
einem kleinen, schön gelegenen Minenstädtchen, dem Lauptsihe der großen Real del
Monte-Kompagnie, die noch jetzt etwa 300 Gruben in Betrieb hat, z. Zt. die reichsten,
bis zu 300 Mark haltenden Erze fördert und in den letzten 30 Jahren ettva 50 Millionen
Dollars Ausbeute gewonnen, aber auch ca. 30 Millionen für Neuanlagen, Wege
bauten und Wasserleitungen verausgabt hat. Lier hat man die alten Arbeitsweisen
verlassen und ist zu soliden Schachtbauten und guten Maschinen übergegangen, besitzt
sogar die größte Bergwerksmaschine, die bisher in Amerika arbeiten soll, eine mächtige
Pumpe von 1000 Pferdekräften. Sie ist deutschen Arsprungs, von der sächsischen
Maschinenfabrik Lartmann-Chemnitz erbaut und arbeitet, trotz der mißgünstigen Prophe
zeiungen der Engländer und Amerikaner, ganz vorzüglich. Auch andere Förder- und
Bergwerksmaschinen sind seitdem mehrfach von deutschen Fabriken bezogen worden,
ebenso wie die amerikanischen Stahlwalzen an den neueren Erzmühlen durch Grusonschen
Stahl erseht werden mußten, da das amerikanische Fabrikat zu weich war und die
Erze durch Abgabe von Eisen verdarb. Sonst überwiegt leider noch immer amerikanischer
und englischer Einfluß, weil sehr viel dortiges Kapital in diesen, trotz Silberentwertung
Gewinn bringenden Anternehmungen angelegt ist.
6. Licht- und Schattenseiten des Kapitalismus.
Von Walter Troeltsch.
Troe lisch, Über die neuesten Veränderungen im deutschen tvirtschaftsleben. Vortrags-
cyklus. Stuttgart, w. Rohlhammer, [899. 5. 12 — \8.
Es hat nur einmal in der Weltgeschichte eine Zeit gegeben, wo das Kapital
eine ähnlich große Rolle gespielt hat, wie im 19. Jahrhundert. Das war das 15.
und 16. Jahrhundert, als in der Land von wenigen großen Landelshäusern Süd
deutschlands, Italiens und Frankreichs (ich nenne hier nur die Augsburger Fugger)
infolge glücklicher Spekulattonen Millionen vereinigt waren.