Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

250  Zweiter  Teil.  Landet.  XI.  Geldwesen  und  Kapitalismus.

die  deutsche  Geschäftswelt  ergriff  und  nun  erst  recht  eigentlich  mit  dem  echten  und
unverfälschten  kapitalistischen  Geiste  nicht  vorübergehend,  sondern  für  alle  künftige  Zeit
erfüllte.  Zn  diese  politisch  ruhigen  Jahre  fällt  die  Geburtsstunde  des  neuen  Deutschlands.
Was  der  Zeit  nach  1851  den  Stempel  ausdrüÄ  und  ihr  einen  schon  völlig
modernen  Charakter  im  Vergleich  zu  der  Lausseperiode  im  Anfang-  des  Jahrhunderts
verleiht,  ist  der  Amstand,  daß  sich  die  Spekulationswut  —  die  Gewinnsucht  —  ein
neues  Feld  der  Betätigung  sucht:  die  Gründung  gewinnversprechender  Anternehmungen.
Damit  wird  recht  eigentlich  erst  das  kapitalistische  Interesse  gefördert.  Denn  ein  großer
Teil  wenigstens  der  in  den  spekulativen  Zeiten  ins  Leben  gerufenen  Gründungen  besteht
ja  dauernd  weiter  als  Organisationen  kapitalistischen  Wesens,  dem  sie  damit  zur  Ausbreitung ­
  verhelfen.
Eine  rechte  „Gründerzeit"  sind  also  die  1850er  Jahre.  Gegründet  werden
vor  allem  Bankinstitute,  dann  aber  auch  industrielle  Etablissements,  Bergwerke  und
—  nicht  zuletzt!  —  Eisenbahnunternehmungen.  Dabei  kam  eine  neue  Form  der  Kapitalbeschaffung ­
  zu  allgemeiner  Anerkenntnis:  die  Aktiengesellschaft  und  ihr  verwandte
Gebilde.  Das  Prinzip  der  Aktiengesellschaft  beruht,  wie  jedermann  weiß,  auf  der
Zusammenfügung  kleinerer  Geldbeträge  zu  größerem  Vermögen  in  der  Weise,  daß  die
Besitzer  der  einzelnen  Anteile  lediglich  in  der  Löhe  ihres  eingeschossenen  Betrages  an
der  Anternehmung  beteiligt,  also  auch  für  etwaige  Verpflichtungen  haftbar  sind.  Die
Aktiengesellschaften  sind  nun  recht  eigentlich  das  Mittel,  kapitalistisches  Wesen  allgemein
zu  machen.  Sie  bedeuten  eine  Demokratisierung  und  endgültige  Stabilisierung  des
Kapitalismus,  nicht  etwa,  wie  man  irrtümlich  annimmt,  dessen  Überwindung.  Denn
mit  Lilfe  des  Aktienanteils,  den  im  Notfall  auch  der  mäßig  wohlhabende  Mann
erwerben  kann,  ziehe  ich  die  breiten  Massen  in  das  Getriebe  der  kapitalistischen
Wirtschaft  hinein,  fessele  sie  an  das  Interesse  kapitalistischer  Organisation,  verbreite  vor
allem  jene  Grundstimmung,  die  ich  als  kapitalistischen  Geist  bezeichne,  über  die  Zeiten
der  Ekstase  hinaus  dauernd  in  alle  Poren  des  Volkskörpers.
Die  spekulative  Periode  der  1850  er  Jahre  führte  aber  noch  eine  andere  Neuerung
als  dauernde  Institution  in  das  deutsche  Wirtschaftsleben  ein,  deren  Existenz  für  die
Entfaltung  kapitalistischen  Wesens  ebenfalls  von  entscheidender  Bedeutung  geworden
ist:  das  ist  die  Kombinierung  bankähnlicher  und  industrieller  Anternehmungen,
  anders  ausgedrückt:  die  Finanzierung  von  Produktions-  oder  Verkehrsunternchmungen
  durch  Bankinstitute.  Am  was  es  sich  dabei  handelt,  ist  dieses:  es
werden  bestimmte  Anternehmungen  in  Form  von  Aktiengesellschaften  ins  Leben  gerufen,
deren  Zweck  es  ist,  lediglich  die  Mittel  zusammenzubringen  zur  Begründung  oder
Anterstützung  anderer  schon  bestehender  oder  selbst  erst  zu  schaffender  gewinnbringender
Anternehmungen  irgendwelcher  Art.  Es  liegt  darin  also,  wie  man  es  zutreffend
genannt  hat,  eine  Spekulation  auf  die  Spekulation.  Derartige  Institute  bedeuten  eine
ungeheure  Steigerung  der  kapitalistischen  Energie.  Denn  da  sie  von  der  unausgesetzten
Neubelebung  irgendwelcher  produktiven  Tätigkeit  ihr  eigenes  Dasein  fristen,  so  liegt
es  in  ihren:  Wesen  begründet,  daß  sie  stets  tteiben,  stimulieren,  drängen.  Sie  sind
gleichsan:  eine  Gründungsmaschinerie,  eine  permanente  Einrichtung  zur  Anstachelung
des  Anternchmungsgeistes.  Es  ist  daher  auch  begreiflich,  wenn  sie  ihre  erste  und
bedeutsamste  Entwicklung  in  dem  spekrrlativen  Volke  pur  excellence,  bei  den  Franzosen,
gefunden  haben.  Jenes  Riesenunternehmen,  dessen  Gründung  Zola  in  seinem  Romane
L'^r^ent  als  das  Werk  Saccards  schildert,  ist  der  Credit  mobilier,  der  1852  ins
Leben  trat  und  vorbildlich  für  alle  späteren  Geschäfte  mit  ähnlichen  Tendenzen  wurde.
Zn  Deutschland  war  dasjenige  Institut,  das  zuerst  seiner  ganzen  Anlage  nach
dem  Credit  mobilier  am  nächsten  kam,  die  1853  gegründete  Bank  für  Landel  und
Industrie  zu  Darnistadt,  die  noch  heute  mit  den:  Sitz  in  Berlin  und  einem  Kapital
von  105  Millionen  Mark  als  mächtige  Zentrale  kapitalistischen  Anternehmertums
            
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