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Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
6. Friedrich Lift. Leben und Lehre.
Von Johannes Conrad.
Conrad, Grundriß zum Studium der politischen (Ökonomie. Teil. H. Aufl. Jena,
Gustav Fischer, [902. S. 3^6—350.
Fr. List wurde am 16. August 1789 in der damaligen freien Reichsstadt Reut
lingen in Württemberg als Sohn eines Handwerkers geboren. Bis zum 14. Jahre
besuchte er die lateinische Schule seiner Vaterstadt und begann zunächst das Handwerk
in der väterlichen Werkstatt zu erlernen. Da er sich dafür als wenig geeignet erwies,
wurde er zum Schreiber bestimmt und in eine Kanzlei gegebeit. Hier kam er schnell
vorwärts, so daß er eine Anstellung ant Oberamt in Tübingen erhielt, die ihn: die
Möglichkeit schaffte, rechts- und staatswissenschaftliche Vorlesungen an der Universität
zu hören. Dort war der damalige Kurator der Universität v. Wangenheim auf ihn
aufmerksam geworden, und als er Minister geworden war, zog er List zu seiner un
mittelbaren Mitarbeiterschaft heran. Beide vereinigten ihre Kräfte, um das verrottete
Beamtentum in Württemberg zu reformieren. Als List 1817 ein vortreffliches Gut
achten über die Gestaltung des staatswiffenschaftlichen Unterrichts abgegeben hatte, berief
ihn Wangenheim als Professor der Staatspraxis an die neugegründete Fakultät für
Staatswissenschaften. Lim das, ivas er auf dem Katheder lehrte, in weitere Kreise zu
tragen und bei der Reform der Verwaltung eine Stütze in weiteren Kreisen zu ge
winnen, gründete er 1818 eine besondere Zeitschrift, worin er die Zustände mit großer
Schärfe kritisierte und sich dadurch natürlich viele Feinde zuzog. Als er aus einer
wissenschaftlichen Reise in Frankfurt a. M. auf Ersuchen einer Anzahl Kaufleute und
Fabrikanten eine Eingabe wegen Aufhebung der Binnenzölle an die Bundesversamm
lung verfaßte und dort gar einen Deutschen Handels- und Gewerbcverein gründete,
dessen Leitung er übernahm, wurde er von der württcmbergischcn Regierung zur Ver
antwortung gezogen, weil dieses Auftreten außerhalb des Landes als über die Kompetenz
eines Württembergischen Beamten hinausgehend angesehen wurde. Er sah sich infolge
dessen zur Niederlegung seiner Professur veranlaßt und hatte nun die Freiheit gewonnen,
der Regierung noch schärfer entgegenzutreten. Die Rentlingcr wählten ihn zu ihrem
Abgeordneten in die Ständekammer; die Wahl wurde aber von der Regierung annulliert.
Er wendete nun seine ganze Kraft dem Deutschen Handels- und Gewerbeverein zu, um
vor allem die inneren Zollschranken nach dem Vorbilde Preußens durch den Tarif von
1818 auch in dem übrigen Deutschland zu beseitigen. In einer besonderen Denkschrift
schilderte er die nachteiligen Folgen, welche die 38 Zoll- und Mautlinien für den
deutschen Handel haben müßten, welche die Waren von Hamburg bis Österreich zu
passieren hätten, ihn nach dieser Richtung mehr wirken zu können, gründete er einen
Handelsverein mit dem Sitze in Nürnberg und ein Organ für den deutschen Handels
und Gewerbestand, in dem er für die Zolleinigung aller deutschen Staaten eintrat.
Außerdem übernahm es List persönlich, bei den verschiedenen Ministerien, besonders
in Wien und Berlin, zu wirken, aber zunächst mit wenig Erfolg. Er sah sich deshalb
bald von seinen Auftraggebern verlassen, denen er in der uneigennützigsten Weise seine
ganze Kraft gewidmet hatte.
1820 trat er als Abgeordneter der Stadt Reutlingen in die württcmbergische
Kammer, wo er mit einer sehr scharfen Petition gegen das dortige Beamtentum auf
trat und Reformvorschläge machte. Da aber in der Kammer die Beamten die Majorität
besaßen, so stimmten sie einer Anklage des Iustizministers zu, welcher in seiner Ein
gabe eine Verleumdung der bestehenden Staatsverwaltung und ein Staatsverbrechen
sah, woraufhin List 1821 aus der Kammer ausgeschlossen und vor Gericht zur Ver