Full text: Denkschrift über die in der Schweiz, Norwegen, Schweden, Kanada und den Vereinigten Staaten von Nordamerika getroffenen Maßnahmen zur Preisstabilisierung des Getreides sowie über die dabei gemachten Erfahrungen

daß das verpfändete Getreide ohne Zustimmung des 
Pfandgläubigers nicht von dem in der Pfandurkunde 
angegebenen Grundstück weggebracht oder innerhalb 
desselben von dem in der Urkunde bezeichneten Lager⸗ 
platz nicht entfernt werden darf, hindert nicht die 
Entnahme von Getreideproben, das gelegentliche Be— 
wegen des Getreides zum Zwecke seiner Erhaltung 
in gutem Zustand und das Ausdreschen, voraus 
geseßt, daß der Pfandgläubiger nachweislich recht— 
zeitig vor dem Dreschen hiervon benachrichtigt wor⸗ 
den ist und das Dreschen auf dem in der Pfand— 
urkunde angegebenen Grundstück erfolgt. Wird ver— 
pfändetes Getreide ausgedroschen, so hat der In— 
haber dafür zu sorgen, daß das ausgedroschene Ge— 
treide in einer den Vorschriften des Gesetzes ent— 
sprechenden Art abgesondert auf dem Guundfrück 
gelagert wird. Dem Registerführer und dem Pfand— 
gläubiger ist davon unter Angabe des Tages der 
Einlagerung, der Bezeichnung des Lagerplaßes und 
der Größe der gelagerten Menge Mitleilung zu 
machen. 
Darüber, wieweit von den durch das Gesetz ge— 
schaffenen Möglichkeiten in Schweden tatsächlich Ge⸗ 
brauch gemacht wird, und wieweit sich eine Rück— 
wirkung auf' das Angebot einheimischen Getreides 
nach der Ernte erkennen läßt, liegen Nachrichten 
noch nicht vor. 
IV. RKanada 
Das Ziel der in der Schweiz und in Norwegen 
auf dem Gebiet der Getreidewirtschaft getroffenen 
Maßnahmen war, wie dargetan, nicht in erster 
Linie die Preisstabilisierung des Getreides als viel— 
mehr die Sicherstellung der Brotversorgung für den 
Fall der Unterbrechung der Getreidezufuhr aus dem 
Ausland, also für den Kriegsfall. Im Zufammen— 
hang damit war man bestrebt, die heimische Brot 
getreideerzeugung zu erhalten und, wenn möglich, 
zu steigern, und zwar in erster Linie dadurch daß 
man der heimischen Landwirtschaft einen auskömm— 
lichen Preis für das erzeugte Brotgetreide sicher⸗ 
stellte. Als Maßnahmen zur Preisstabilisierung des 
Getreides und als Maßnaͤhmen, die nicht durch die 
Aussicht auf eine etwaige Wiederholung der Kriegs⸗ 
zustände beeinflußt sind, lassen sich veit eher die 
in den Hauptweizenerzeugungsländern getroffenen 
wirtschaftlichen Maßnahmen bezeichnen, die eine Re— 
gelung des Weizenabsatzes, das, wie die nordamerika— 
nische Welt es nennt, oderly marketing of wheat? 
zum Gegenstand haben. Der Blick richtet sich hier— 
bei in erster Linie auf Kanada und die Vereinigten 
Staaten, die in der Kriegszeit an erster Stelle die 
Aufgabe der Weltversorgung mit Weizen über— 
nommen haͤtten und mit einer gegenüber der Vor— 
kriegszeit erheblich gesteigerten Weizenerzeugung aus 
der Kriegszeit in die Nachkriegsjahre hinübergingen. 
Die Forderung nach Preisstabilisierung war in der 
Nachkriegszeit nicht eigentlich wie man danach an⸗ 
nehmen sollte, durch ein absolutes Mißverhältnis 
zwischen Angebot und Bedarf verursacht. Der ge⸗ 
steigerten Weizenerzeugung in Nordanerika stand 
zunächst ein Zurückbleiben des Angebots aus den 
ibrigen Überschußländern und eine verminderte Er— 
eugung in den Zuschußländern gegenüber. „Es 
jandelte sich um ein Mißverhältnis zwischen Preisen 
ind Kaufkraft. Die Sachlage war“' die, daß nicht 
nehr die von Amerika gespeisten Kriegskassen preis— 
estimmend waren, sondern die Preise nach der 
daufkraft des schwächsten Käufers in Europa gra— 
itierten.“ ) Die Enttäuschung über den Zusam⸗ 
nenbruch der Konjunktur im Jahre 1921 war um 
oↄ größer, als die Weizenpreise nach Eintritt der 
Waffenruhe noch bis zum Mai 1980 die steigende 
kendenz beibehalten hatten und man, sich einem 
ibertriebenen Optimismus bezüglich des weiteren 
zortgangs der Preisentwicklung hingegeben hatte. 
Zeit 1921 war die durch die geschwächte Kaufkraft 
zedrückte Nachfrage ausschließlich preisbestimmend für 
ie Getreidepreise geworden. Die durch die Geld— 
ntwertung verursachte Steigerung der Gestehungs⸗ 
osten fand keine Berücksichtigung bei der Preis⸗ 
zildung. Der Kampf der Farmer in Kanada und 
»en Vereinigten Staaten ging darum, wieder Ein— 
luß auf die Preisbildung zu gewinnen. ? 
1. Allgemeine Verhältnisse 
Kanada ist nicht der größte Weizenerzeuger. Die 
Beizenernte der Vereinigten Staaten ist trotz des 
eit 1920 eingetretenen Rückganges der dortigen 
Beigenerzeugung immer noch fast doppelt so groß 
vie die Kanadas. Die kanadische Weizenerzeugung 
st gegenwärtig der Menge nach ungefähr gleich der 
eutschen Roggenerzeugung. Als Weizenerzeuger 
teht Kanada wenig vor Jñdien; aber die Vereinig⸗ 
en Staaten erzeugen jetzt Weizen zu rund do p. H., 
Indien in manchen Jahren ausschließlich für den 
ßedarf der eigenen Bevölkerung. Kanada war im 
Fahre 1928 der größte Weizenexporteur und wird 
ies auch in nächster Zukunft sein. Für das Jahr 
928 ergeben sich folgende vergleichende Ziffern über 
ie Ausfuhr von Weizen und Weizenmehl, letzteres 
ils Körner berechnet, in Millionen Bushels6). 
danada . . . . 279 Bushels — 75,0 Millionen de 
—V— 
Argentinien. 140 —3811 ⸗ ⸗ 
Australien.... 50 —136 
Indien. . 28 — 7,6 
Für den Farmer der Vereinigten Staaten hat der 
Weltmarktpreis für Weizen mehr und mehr nur 
oweit Interesse, als er ihm den Inlandspreis zu 
oerderben geeignet ist. Die Landwirtschaft der Ver— 
9 Harms, „Die Zukunft der deutschem Handels— 
»olitik“, Jena 1925. S. 2465. 
ꝛ2) The Economist, vom 18. Februar 19025 Nr. 4802, 
inter Verweisung auf die Veröffentlichungen des Inter— 
aationalen Instituts für Landwirtschaft in Rom. 
Die bei Harms a. a. O. S. 261 aus dem „Commerece 
Vearbook 1923*0 des Deépartement of Conmeree in 
Vashington wiedergegebenen Zahlen lauten: 
Kanada ..309,6 
Vereinigte Staaten. . .. 221,9 
Argentinien.....1402 
Australien .. 59,6 
Indien.. ..... 26,3 
Der Unterschied ist vermutlich in erster Linie auf ver⸗ 
chiedene Art der Umrechnung aus Mehl in Körner zurück⸗ 
zuführen.
	        
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