35 Prof. Dr. Ernst Schultze:
zuwerfen: unsere Lieferungen erfolgten unpünktlich, sie ließen an Ge-
diegenheit zu wünschen übrig, und es wurden Preiserhöhungen gefor-
dert, die schließlich den größten Unwillen der Käufer erregten.
Es sei aufs schärfste betont, daß der Vorwurf der Pfuscharbeit
keineswegs unsere gesamte Exportindustrie traf. Zum Glück gab es
in Deutschland auch in diesen trüben Jahren stets eine große Zahl
von Betrieben, die trotz schlechten und unzulänglichen Rohstoffen Aus-
gezeichnetes leisteten, Allein es gab doch auch andere, denen dies
nicht nachgerühmt werden kann, Im Urteil der Welt aber entscheiden
in solchen Dingen die paar schlechten Fälle, über die man die sehr viel
zahlreicheren guten übersieht,
Einer der zukunftsreichsten Märkte der deutschen Industrie ist
Südamerika. Die dortigen Staaten haben sich, mit wenigen Ausnahmen,
in den Krieg gegen Deutschland nicht hineinziehen lassen, Wir konnten
also dort um so eher absatzfähige Märkte finden, als man von Mexiko
bis zur Südspitze Amerikas keine große Neigung bekundet, sich in
wirtschaftliche Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten bringen zu
lassen, Der Hunger nach deutschen Waren war infolgedessen in Süd-
amerika zunächst recht groß. Allein wir erlebten die böse Enttäu-
schung, daß die dortigen Kaufleute ihre Bestellungen einschränkten,
weil Deutschland in mancherlei Fällen teuer, unzuverlässig und schlecht
geliefert habe, Nachträgliche Preiserhöhungen durch die deutschen
Lieferanten unter Hinweis auf die gestiegenen Herstellungskosten, die
Ausfuhrabgaben und ähnliche Dinge trugen nicht dazu bei, die Beliebt-
heit deutscher Waren zu steigern,
Noch unangenehmer aber empfand man es, daß die Pünktlichkeit
der Lieferungen oft in Frage gestellt wurde. Man versetze sich in die
Lage des überseeischen Händlers oder Verbrauchers, wenn er sechs
bis acht Monate nach Auftragserteilung statt der erwarteten Waren
den Bescheid erhält: er müsse sich noch einige Monate gedulden, auch
sei der Preis inzwischen um 50 oder 100% gestiegen, wobei eine
Gewähr für Lieferung und Preis nicht einmal übernommen werden
könne! Und das mußte gerade im deutschen Ausfuhrhandel geschehen,
dessen Zuverlässigkeit in bezug auf Lieferung und Preisstellung man
vor dem Kriege widerspruchslos zu rühmen wußte!
Freilich war, wenn die deutschen Betriebe immer wieder durch
Kohlenmangel, Streike oder andere Arbeitshemmnisse geschädigt
wurden, nicht wohl zu erwarten, daß wir mit einiger Pünktlichkeit
lieferten; von der Schnelligkeit schon gar nicht zu reden, in der die
Nordamerikaner jeden Wettbewerb schlugen. Es rächte sich nun
bitter, daß sich weite Kreise in Deutschland nach dem Kriege ein
lässiges Arbeiten angewöhnen zu dürfen glaubten. Schuld an diesem
X