Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

290 Zweiter Teil. Landet. XIV. Kaufmännisches Anterrichtswesen. 
Durch die Anwendung des Dampfes auf die Verkehrsinittel zu Waffer und zu 
Lande, sowie durch die Ausnutzung der Elektrizität für den Nachrichtendienst in allen 
Erdteilen ist das kaufmännische Geschäft losgelöst worden aus den Banden lokaler 
Gebundenheit. Der Kaufmann ist heute gewissermaßen allgegenwärtig geworden; die 
ganze Erde ist sein Arbeitsfeld. In seinen Entschlüsselt wird er durch Gründe bestimmt, 
die in deil verschiedensten, eiltferntesten Ländern hervortreten, und in Minriten bringt 
er heute zur Ausführung, wozu früher Wochen und Monate erforderlich lvaren. Da 
so zugleich mit der Zahl der Faktoren, die einen Entschluß bedingen, die Notwendig- 
keit einer schnellen Entschließung gewachsen ist, so werden doppelt dringend, klarer, 
ruhiger Überblick, genaue Fachkenntnis, gründliche Schulung des Geistes, denn sic allein 
ermöglichen die schnelle Bildung eines richtigen Arteils. 
And das gilt im besonderen Maße von der deutschen Industrie, die immer mehr 
anfängt, allch den Absah ihrer Erzeugnisse in die Land zu nehmen. Denn nicht zun: 
geringsten Teil ist ihr erstaunliches Aufblühen zurückzuführen auf ihre enge Verbindung 
mit der Wissenschaft, wie sie vielleicht am stärksten in der chemischen und elektrotechnischen 
Industrie hervortritt. Nie wird allerdings die deutsche Industrie die Mitlvirkung sach 
verständiger Spezialisten beschränken dürfen; aber auch wer mit der kaufmännischen, 
nicht mit der technischen Lcitllng betraut ist, empfindet cs immer inehr nicht nur als 
wünschenswert, sondern sogar als notwendig, Kenntnisse sich auf dem Gebiet der 
mechanischen oder chemischen Technologie zu erwerben, wenn auch nur, um das Ver 
ständnis für die Ausführungen des sachverständigen Spezialisten zu vergrößern, die 
Fähigkeit der Kontrolle zu erhöhen, den kaufmännischen Blick, den kaufmännischen 
Spürsinn zu schärfen. 
Aber nicht nur im privaten Geschäftsleben ist der Aufgabenkreis eines Kauf 
manns und Fabrikherrn außerordentlich gewachsen. Wer vom Standpunkt der Kultur 
geschichte zurückblickt auf das 19. Jahrhundert, der findet einen der charakteristischsten 
Züge darin, wie sehr in allen Ländern und ganz besonders in Deutschland, gegenüber 
anderen Ständen, der Kaufmannsstand sich gehoben hat. Wie er an Zahl außer 
ordentlich zugenommen hat und noch mehr an Reichtum, so hat er auch seine Stellung 
dem Staate gegenüber wesentlich verändert. Was die Fabrikherren insbesondere anlangt, 
so sind sie durch die soziale Gesetzgebung des Deutschen Reiches zu Trägern von 
Pflichten geworden, deren verständnisvolle Erfüllung für die Gesundheit des gesamten 
Volkskörpers von größter Bedeutung ist. Als Landelsrichter hat der Kaufmann 
wichtige Aufgaben auf dein Gebiete der Rechtsprechung zu erfüllen; als Konsul fallen 
ihm noch andere bedeutsame obrigkeitliche Funktionen zu; als Mitglied einer Landels- 
kammer hat er die Regierung zu beraten in Fragen, deren Bedeutung für das Gesamt 
wohl unseres Volkes gerade jetzt beständig wächst. 
Aber auch auf das reinpolitische Gebiet greift diese Entwickelung über. Für 
ein Volk, das im Interesse seiner Selbsterhaltung auf die Bahn der Weltpolitik gedrängt 
wird, d. h. — nach dem Bülowschen Worte — für das es ein Lebensinteresse ist, die 
erworbenen großen überseeischen Interessen zu erhalten und zu entwickeln, für ein 
solches Volk ist cs von großer und stets wachsender Wichtigkeit, daß auch der Landels- 
stand im Parlament und in der Regierung eine angemessene Vertretung finde, wie es 
in England der Fall ist, wo zahlreiche Minister aus dem Kaufmannsstande hervor 
gegangen sind. Bei uns ist das noch nicht der Fall. Es würde aber eine Ver 
kennung der Sachlage sein, wollte man die Tatsache, daß Lande! und Verkehr im 
öffentlichen Leben Deutschlands nicht so vertreten sind, wie es ihnen zukommt, und wie 
es anderswo der Fall ist, ausschließlich aus Eigentümlichkeiten der staatlichen Organi 
sation erklären, wollte man nicht gleichzeitig anerkennen, daß es in diesen Kreisen bisher 
vielfach an Persönlichkeiten fehlt, die gewillt und befähigt sind, eine Tätigkeit zu über 
nehmen, die nicht in der Verfechtung der Interessen des eigenen Portemonnaies ihr
	        
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