Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

2.  Wesen  und  Aufgaben  der  Landelshochschule.

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Kauptziel  sieht,  sondern  danach  trachtet,  einen  der  Gesamtheit  förderlichen  Ausgleich
zwischen  den  in  einem  hochentwickelten  modernen  Großstaat  notwendig  sich  widerstreitenden ­
  Interessen  herbeizuführen.  Zumal  da  das  große  Bildungsmoment,  das  in  Vererbung ­
  und  Familienerziehung  liegt,  auf  dem  Gebiete  der  Politik  bisher  nur  in  Kreisen,
die  dem  kaufmännischen  Leben  fernstehen,  zur  Geltung  gekommen  ist,  ist  es  für  die
Vertreter  von  Kandel  und  Industrie  wichtig,  daß  sie  nicht  nur  in  ihrer  Berufsbildung,
sondern  auch  in  ihrer  allgemeinen  Bildung  nicht  zurückstehen  hinter  irgendwelchen
politischen  Konkurrenten.  Das  ist  umso  wichtiger,  als  mit  Recht  gesagt  ist,  daß  das
20.  Jahrhundert  ein  politisches  Jahrhundert  ist,  und  daß,  wer  ihm  gewachsen  sein  will,
politischer  Bildung  bedürfe,  ein  Gedanke,  den  der  leitende  Minister  unseres  verbündeten
Nachbarstaates  bekanntlich  vor  wenigen  Jahren  in  den  Worten  ausdrückte:  „Wie  das
16.  und  17.  Jahrhundert  mit  religiösen  Kämpfen  ausgefüllt  waren,  im  18.  die  liberalen
Ideen  zum  Durchbruch  kamen,  wie  das  gegenwärtige  Jahrhundert  durch  die  Nationalitätenfrage ­
  charakterisiert  erscheint,  so  sagt  sich  das  20.  Jahrhundert  für  Europa  als  ein
Jahrhundert  des  Ringens  ums  Dasein  auf  handelspolitischem  Gebiete  an."
So  entwickelt  sich  aus  den  verschiedensten  Gesichtspunkten  heraus  ein  Bedürfnis
nach  einer  Ergänzung  der  bisherigen  Ausbildung  des  Kaufmannsstandes,  nach  einer
Ergänzung,  die  der  Ausbildung  entspricht,  die  auf  den  Universitäten  den  Juristen,
Medizinern,  Theologen,  Philologen  und  Gelehrten,  auf  den  technischen  Kochschulen
den  Technikern,  auf  den  landwirtschaftlichen  Kochschulen  den  Landwirten,  auf  den  Bergakademien ­
  den  Bergleuten,  auf  den  Forstakademien  den  Förstern  geboten  wird.
2m  ausgedehntesten  Maße  wird  dieses  Bedürfnis  auch  empfunden.  Fast  in  allen
größeren  deutschen  Städten  ist  beinahe  gleichzeitig  der  Ruf  nach  Kandelshochschulen
hervorgetreten  zur  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses.  Allerdings  hat  es  diesem  Ruf
auch  nicht  an  Widerspruch  gefehlt.
Sehen  wir  ab  von  den  Gründen,  die  gegen  ein  jedes  neue  Antcrnehmen  ins
Feld  geführt  zu  werden  pflegen,  so  stützt  sich  der  Widerspruch  zum  großen  Teil  darauf,
daß  der  deutsche  Kaufmann  ohne  Kochschulbildung  die  Stellung  errungen  hat,  die  er
zum  Stolze  unseres  Volkes  heute  einnimmt,  und  daß  im  Ausland  kein  anderer  Kaufmann ­
  mehr  gerühmt  wird,  als  er.  Diesen  Tatsachen  gegenüber  dürfte  jedoch  das
Folgende  zu  beachten  sein.
Die  Schule  des  Lebens,  bei  der  meist  übersehen  wird,  wie  viele  Opfer  sie  auch
alljährlich,  insbesondere  im  Auslande,  unserem  Volke  kostet,  ist  getviß  für  einen  tüchtigen ­
  Mann  von  festem  Charakter  noch  immer  die  beste  Schule.  Seitdem  aber  der
Welthandel,  die  Konkurrenz  überall  steigernd,  gleichmäßig  fast  den  ganzen  Erdball  umspannt, ­
  seitdem  ist  diese  Schule  des  Lebens  in  der  früheren  wirksamen  Art  kaum  noch
vorhanden  oder  doch  sehr  viel  schwieriger  zugänglich  und  sehr  viel  weniger  ergiebig.
Insbesondere  der  8e!k-mgck6-mnn  findet  regelmäßig  Schwierigkeiten,  seinen  Söhnen
eine  Erziehung  zu  geben,  die  der  seinen  gleichwertig  ist;  eine  ähnliche,  alle  Kräfte
anspannende  Ausbildung,  wie  er  selbst  genossen  hat,  kann  er  ihnen  nur  ausnahmsweise
verschaffen;  die  Gelegenheit  zur  Erlangung  einer  umfassenden  Ersatzbildung  fehlte  bisher;
immer  wieder  bewahrheitet  sich  daher  aus  psychologisch  leicht  erklärbaren  Gründen  der
alte  Sah,  daß  ein  großes  Vermögen  selten  die  dritte  Generation  überdauert.
Dazu  kommt,  daß  diejenigen,  die  als  erwachsene  Männer  die  ganze  Entwickelung
des  jungen  Deutschen  Reichs  miterlebt  haben,  vieles  auf  dem  Gebiete  des  Rechts  und
der  Volkswirtschaft  mit  seinem  heißumstrittenen  Werden  als  Zeitgenossen  leicht  erlernt
haben,  das  in  seinen  trockenen  Ergebnissen  sich  das  Epigonengeschlccht  aneignen  muß,
was  sehr  viel  schwerer  fällt  und  nur  wenigen,  besonders  energischen  Charatteren  ohne
methodische  Anleitung  überhaupt  gelingt.
Wenn  man  endlich  bedenkt,  daß  die  unbestreitbar  großen  Erfolge  des  deutschen
Kaufmanns  zum  Teil  auch  daraus  sich  erklären,  daß  die  endliche  kraftvolle  Einigung
            
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