Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Dritter  Teil.  Industrie.

10.  Die  SpielwarenindusLrie  des  Meininger  Oberlandes.
Von  Rudolf  Anschütz.
Anschütz,  Industrie,  Handel  und  verkehr  im  Herzogtum  Sachsen  -  Meiningen.  Sonneberg
S.<M.,  Druck  von  Grabe  &  Hetzer,  tgo-t-  S.  ^6—50.
Das  Herzogtum  Sachsen  -  Meiningen  besitztim  „Meininger  Oberland"  die  wichttgste
und  vielleicht  auch  älteste  Stätte  der  deutschen  Spielwarenverfertigung.  Wird  bereits
ausgangs  des  13.  Jahrhunderts  unter  den  Gewerben  Nürnbergs  dasjenige  der  Docken-(Puppen-)
  niacher  erwähnt,  so  befaßte  sich  diese  Stadt  doch  zunächst  in  erster  Linie  init
dem  kaufmännischen  Vertrieb  solchen  Spielzeuges,  welches  anderswo,  in  den  bayrischen
Alpen,  im  sächsischen  Erzgebirge  oder  auf  dem  Thüringer  Wald,  hergestellt  worden
war.  Wenn  die  in  diesen  Gebirgsgegenden  an  sich  nicht  sehr  lohnende  landwirtschaftliche
Tätigkeit  beendet  war,  wenn  zur  Winterszeit  auch  der  Erwerb  der  Holzmacher  oder
Köhler  stockte,  dann  lenkte  der  Holzreichtum  der  Wälder  auf  die  Möglichkeit  anderen
Verdienstes  hin:  auf  den  Thüringer  Höhen,  an  der  alten  Nürnberg--sächsischen  Geleitssttaße,
  fertigte  man  zunächst  Laus-  und  Küchengeräte  und  bald  auch  einfache  Holzspielsachen, ­
  wie  „Wieglein,  Tischlein,  Stühllein  und  Bettstellein,  Pferde,  Kärrnlein
und  Reiterlein",  dazu  „Docken",  innen  hohl,  mit  kleinen  Steinchen  oder  Erbsen  gefüllt,
zum  Klappern,  Tanzdocken  auf  Schweinsborsten,  Figuren  und  Tiere,  Degen  und
Flinten,  Peitschen  und  Steckenpferde,  Gaukler  und  Purzelmänner,  Flöten,  Geigen  und
Trommeln,
Der  Dreißigjährige  Krieg  hatte  dann  die  sonst  so  belebte  Handelsstraße  von
Nürnberg  nach  Leipzig  veröden  lassen  und  dadurch  die  Waldbewohner  darauf  angewiesen,
selbst  für  den  Verschleiß  ihrer  Erzeugnisse  zu  sorgen,  und  wenn  auch  noch  längere  Zeit
engere  Beziehungen  zwischen  Nürnberg  und  Sonneberg  bestanden,  so  begründete  doch
damals  der  Spielwarenhandel  des  Meininger  Oberlandes  seine  Selbständigkeit.  Aber
noch  lange  —  im  großen  Publikum  teilweise  heute  noch  —  gelten  die  deutschen  Spielwaren ­
  als  Nürnberger  Tand.  Seine  Bedeutung  als  Spielwarenstadt  hat  Nürnberg
auch  nicht  verloren.  Es  schuf  sich  eine  eigene  Industrie  und  hob  diese  zu  solcher
Bedeutung,  daß  heute  Nürnberg  mit  seiner  Nachbarstadt  Fürth  hinsichtlich  des
Produktionswertes  nach  Sonneberg  der  Hauptsitz  der  deutschen  Spielwarenindustrie
geblieben  ist.  Während  aber  die  Nürnberger  Metallspielwaren  maschinelle  Einrichtungen
und  fabrikniäßigen  Betrieb  fordern,  ist  in  Sonneberg  und  dem  sächsischen  Erzgebirge,
dem  dritten  Hauptsih  der  deutschen  Spielwarenverfertigung,  die  hausindustrielle  Betriebsform ­
  vorherrschend,  wenn  auch  für  den  gegenwärtig  wichttgsten  Zweig  der  Sonneberger
Spielwarenindustrie,  die  Puppenfabrikation,  die  fabrikindustrielle  Betriebsweise  ein  weites
Feld  gewonnen  hat.
Eine  für  die  Technik  der  Sonneberger  Spielwarenindustrie  überaus  wichtige
Neuerung  trat  ein,  als  gegen  1820  man  sich  der  Papiermachemaffe  für  die  Fabrikatioil
zu  bedienen  begann,  welche  es  ermöglichte,  mit  Hilfe  der  negativen  Form  einer  Figur
rein  mechanisch  in  kurzer  Zeit  eine  beliebige  Anzahl  von  Exemplaren  herzustellen.  Das
Papiermache  bildet  seitdem  den  wichtigsten  Rohstoff  für  die  Sonneberger  Industrie;
nur  in  der  Puppenfabrikation  kamen  andere  Materialien  noch  in  Frage.  Die  Entwickelung ­
  der  Puppenindustrie  datiert  seit  dem  Anfange  der  fünfziger  Jahre,  als  ein
einwandfreies  Wachsieren  des  Kopfes  der  Papiermachetäuflinge  (unter  Täuflingen
verstand  man  und  versteht  man  heute  noch  Puppen  mit  einem  Lemdchen  bekleidet)
gelungen  war;  weitere  Vervollkommnungen  bestanden  darin,  daß  durch  besondere  Formen
das  Gießen  der  Wachsmassen  zu  sogenannten  „Modellköpfen"  ermöglicht  (1868)  und
schließlich  der  Puppenkopf  durch  eine  eigens  präparierte  Lackschicht  waschbar  gemacht
            
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