20 Erster Teil. Deutsche Volkswirte, Kaufleute und Industrielle.
bis über sein Grab hinaus gefeiert werden wird. Hermann Schulze-Delitzsch gehört
mit seiner Äauptwirksamkeit allen Völkern und Zeiten an. Seine genossenschaftlichen
Schöpfungen werden sich erst in dem nächsten Menschenalter auch unter anderen Völkern
weiter verbreiten und in Deutschland selbst immer mehr ausgebaut werden. Wenn
aber auch die Formen des Genossenschaftswesens im Laufe der Zeit voraussichtlich noch
viele Veränderungen durchmachen und noch manche andere Heilmittel zur Lösung der
sozialen Frage mit mehr oder weniger Erfolg zur Anwendung kommen werden, so wird
doch die ganze Persönlichkeit von Schulze-Delitzsch, die Methode seines Schaffens, die
bedächtige Wahl seiner Agitationsmittel und der Adel seiner Gesinnung unvergänglich
in der Geschichte fortleben und vielerr alten und jungen Kämpfern für eine friedliche
und freiheitliche Entwicklung des Menschengeschlechts als leuchtendes Vorbild dienen.
Das Geheimnis der Erfolge Schulzes liegt in seinem'persönlichen selbstlosen Ein
greifen, in feinem praktischen Beginnen mit kleinen engen Gewerbskreiscn und in seiner
Kunst, die Massen durch Wort, Schrift und Beispiel zur wirtschaftlichen Selbständigkeit
und zur eigenen Verwaltung ihrer Angelegenheiten zu erziehen. Weit größer als feine
Talente war sein Charakter. Wohl hatte ihm die gütige Natur glückliche äußere Gaben,
einen kräftigen Körper und klaren Geist, Sinn für alles Schöne und Edle, Phantasie
und Beredsamkeit, Heiterkeit und Gewandtheit im Llmgange verliehen; aber sein Wissen
war kein blendendes und leicht angeflogenes, sondern fleißig erarbeitet, und die Eigen
schaften, die ihn zum großen Sozialreforiner machten, entwickelten sich in ihm erst all
mählich durch vielseitige Lebenserfahrungen und innere Kämpfe, in denen er die Über
zeugung gewann, daß man, um die Massen auf höhere soziale Stufen emporzuheben,
vor allem ihr Selbstgefühl und ihren brüderlichen Sinn wecken, zugleich aber ihnen
selbst mit dem guten Beispiel der Opferwilligkeit, Enthaltsamkeit und Rührigkeit voran
gehen müsse. Außerordentlich wichtig und entscheidend für das von ihm freudig über
nommene Werk war es, daß er mitten in der Arbeit des Volkes aufgewachsen, an
spruchslos und in kleinbürgerlichen Verhältnissen erzogen, zugleich aber ideal angelegt,
von einem tiefen Drange nach gemeinnützigem Schaffen erfüllt war und sich durch
Offenheit, Biederkeit und warme Menschenliebe die Herzen zu gewinnen wußte. Die
besten Gedanken kommen aus dem Herzen, dringen zum Kerzen und bringen erst da
durch Frucht für das öffentliche Leben. Schulzes schlichter Freiheits- und Bürgersinn
entstammte dem Bewußtsein, daß er nichts Besseres sei als die Kleinbürger, mit denen
er aufgewachsen war, und daß die erworbene höhere Bildung ihm nur die Pflicht
gleich harter Arbeit und opferwilligen Dienstes im Interesse der unteren Klassen auf
erlege. Ein Grundzug seines geschloffenen Charakters war Strenge gegen sich selbst,
die sich am schönsten in dem öffentlichen Danke offenbart, worin er es ablehnte, eine
ihm gespendete Nationalgabe von mehr als 150000 M. als freies Eigentum anzu
nehmen, und sich vorbehielt, sie in der Hauptsache zu einer Stiftung für öffentlich
wirkende Männer zu verwenden. Er erklärte:
„Wer ernste, oft schwere Forderungen an die Menschen zu stellen genötigt ist,
von denen ihr Emporkommen abhängt, der soll diesen Maßstab auch an sich selbst legen.
Den meisten Anklang, namentlich bei unsern Arbeitern, wird naturgemäß immer der
finden, der seinen Unterhalt gleich ihnen aus seiner Arbeit zieht und in einer so
wichtigen Beziehung mit ihnen auf gemeinsamem Boden steht. Diese meiner Lebens
gewöhnung und Lebenshaltung entsprechende, mir lieb gewordene Stellung — ich darf
wohl sagen die Frucht nachhaltiger Anstrengung, die mich deshalb mit einigem Selbst
gefühl erfüllt — ist mit allen Wurzeln meines Seins und Tuns innig verwachsen."
Schon wenige Tage nach Schulzes Tode hat die französische „Socidte d’eco-
nomie politique“ in Paris in ihrer Sitzung vom 5. Mai 1883 in würdigster Weise
unter dem Vorsitz von Leon Say des großen Toten gedacht. Nach dem Maihest
des „Journal des Economistes“ heißt es in dem Sitzungsprotokoll u. a.: