1. Zur Begründung der Freihandelslehre. 36/
herzustellen vermögen. Denn wenn Portugal statt des Tuches Wein herstellt, erhält
es bereits für 100 Tonnen Wein, d. h. für nur 80 Jahresarbeiten, die 1000 Ballen
Tuch, die ihm sonst 90 Jahresarbeiten kosten würden. Nehmen wir Wein und Tuch
als Repräsentanten aller Arten von Produkten und Portugal als den Repräsentanten
aller Länder des Auslandes, so wäre in dem gesetzten Falle England hinsichtlich der
Produttion aller Waren schlechter als das Ausland gestellt. Trotzdem wäre es mit
seiner Produttion nicht vom Weltmarkt verdrängt und vor die Gefahr einer Ent
völkerung und der Ansiedelung seiner Bewohner im produktions-geeigneteren Ausland
gestellt. Denn es läge nicht im Interesse Portugals, alle Waren, die es billiger als
England herzustellen vermöchte, selbst herzustellen, sondern nur diejenigen, bei deren
Verstellung sein Kapital den höchsten Gewinn und seine Arbeit den höchsten Lohn
erzielte; denn indem es seine Produttivkraft auf die Verstellung dieser Güter konzen
trierte, würde seine Produttivkraft sich am besten lohnen und seine Konsumenten selbst
das Tuch, das es billiger zwar als England, aber nicht so billig als Wein herzustellen
vermöchte, gegen Kinaussendung von Wein billiger aus England erhalten, als wenn
es dieses Tuch selbst Herstellen wollte.
Aber setzen wir an die Stelle des von Ricardo angenommenen Beispiels die
Wirklichkeit. Da sind England und Deutschland.
Es ist an sich nicht unmöglich, in England Wein zu bauen, ebensowenig wie es,
rein technisch betrachtet, unmöglich wäre, durch Bestellung auch der unfruchtbarsten
Acker den gesamten deutschen Getreidebedarf in Deutschland zu erzeugen. Unsrer
heutigen Technik ist ja an sich nahezu alles möglich; es fragt sich nur, zu welchen
Kosten. Der Marquis von Bute baut seit 25 Jahren in Südwales Wein im Freien.
Ich bin durch die Güte einer init Lord Bute befreundeten Dame in den Besitz der
Berichte über die erzielteir Erfolge, ja sogar in den Besitz einer Flasche des in Schloß
Loch in Glamorganshire gebauten Weines gesetzt worden und muß bezeugen, daß der
Versuch, rein technisch betrachtet, vorzüglich gelungen ist. Der Wein ist von aus
gezeichneter Qualität. Anders stellt der Versuch sich dar, wenn ökonomisch bettachtet.
Obwohl in öffentlicher Versteigerung für das Dutzend Flaschen der hohe Preis von
115 Schilling erzielt wurde, deckt dieser Preis nicht die Kosten. Es ist also für
Deutschland keine Gefahr, daß, wie man gescherzt hat, der Konsum seines Äochheimer
durch den von Cochheimer in England erseht werde. Vielmehr ziehen bei so hohem
Preise es die Engländer vor, sich den Wein, den sie trinken, durch Kinaussenden von
Baumwoll- und Wollenwaren, von Eisen, Maschinen, Kohle und anderen Produkten,
deren Kerstellung ihnen Gewinn bringt, aus Portugal, Spanien, Frankreich, Italien
und Deutschland zu verschaffen. Allein sie beziehen aus dem Ausland nicht bloß Wein,
den sie zu Lause nur teurer Herstellen können. So sind die Bauinwollindustrie
Lancashires und die Wollindustrie Porkshircs, sowie die Kartwarenindustrie Birminghams
berühmt. England vermöchte wohl seinen ganzen Bedarf an baumwollenen und
wollenen Garnen und Geweben und an Kartwaren, sowie alles, was es an andere
Länder davon verschleißt, selbst herzustellen. Aber ttohdem beziehen die Engländer
starke Baumwoll- und Wollgarne und gröbere Gewebe und Solinger Waren aus
Deutschland, dem sie andere Qualitäten von Baumwollgarnen, Roheisen, Maschinen
überwiegend aus Gußeisen, Steinkohlen, hartes Kammgarn, andere Wollgarne dafür
schicken. Wie kommt dies? Kalten wir uns bei der Beantwortung an die Baum
wollgarne. Vermöge seines feuchten Klimas hat Lancashire besondere Produttions
vorteile bei der Kerstellung der feineren Nummern der Baumwollgarne. Bei ihrer
Kerstellung macht es den größten Gewinn. Obwohl es sämtliche gröberen Nummern
Baumwollgarn, die es selbst braucht oder an andere Völker verkauft, selbst Herstellen
könnte, zieht es doch vor, einen großen Teil derselben von Deutschland gegen seine
feineren Baumwollgespinnste einzutauschen. Denn auf diese Weise wirft seine Pro-