Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

368 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. III. Sonstige Kernfragen. 
duktivkrast die größten Äberschüffc ab. Wollte es dagegen seinen ganzen Bedarf an 
starkcrl Baumwollgarnen selbst decken und zrr dem Zweck etwa gar die Einfuhr starker 
Garnnummern aus Deutschland durch einen Schutzzoll ausschließen, so könnte dies 
seinen bei der Verstellung und dem Verkauf feiner Nummern erzielten Gewinn und 
die höchstmögliche Verwertung seiner Produktivkraft nur schmälern. Dieser systematischen 
Konzentration seiner Produktivkräfte auf die Produktionszweige, welche die höchsten 
Aberschüsse über die aufgewendeten Kosten abwerfen, verdankt England die alles 
übertreffende Zunahme seines Reichtums in der zweiten Lälfte des 19. Jahrhunderts. 
Wie aber verhält es sich mit jenem „extremen Fall" (v. Mayr), in dem das 
Ausland sich als der ökonomisch günstigere Standort für alle Arten der Produktion 
darstellt und deit gesamten Weltbedarf zu liefern vermag? Führt der Freihandel hier 
nicht folgerichtig zur Entvölkerung des Vaterlands und Ansiedelung seiner Bewohner 
im produktions-geeignetcren Ausland? Ganz gewiß; auch hat die Menschheit von 
jeher in so extremen Fällen jene Folgerungen gezogen. So ist die Angunst der 
Produktionsbedingungen die Arsache, warum die Polargegenden unbewohnt und 
Wüstengcgenden nur schwach bewohnt sind, warum in vergangenen Zeiten die Völker 
ihre Leimat regelmäßig verließen, sobald deren Produktionsbedingungen für sie 
unzureichend wurden, und warum die Ansiedelung in neuen Ländern in dem Maße 
stattgefunden hat, als sie günstigere Existenzbedingungen boten. And der Erfolg liefert, 
weit entfernt von einer Widerlegung, vielmehr eine Bestätigung der Richtigkeit des 
Freihandelsprinzips. Es war dies nämlich nicht nur im Interesse der fottschrcitenden 
Kultur des Erdballs, sondern auch der betreffenden Nationen. So lange sie noch 
keinen anderen Produktionszweig als die Landwirtschaft kannten und Lande! und 
Industrie noch gänzlich unentwickelt waren, hatten sie, als ihre Bevölkerung zunahm, 
gar keine andere Wahl, als auszuwandern oder ju verhungern. Von dem Augenblick 
aber, da sich in den Ländern, die sie heute innehaben, Lande! und Industrie zu ent 
wickeln begannen, wurde das Vorkommen jenes „extremen Falls", daß ein Land 
hinsichtlich sämtlicher Produktionsbedingungen hinter dem Ausland zurücksteht, einfach 
unmöglich. In dem Maße nämlich, in dem Landel und Industrie sich entwickeln, 
nimmt die Bevölkerung, die sich auf einem gegebenen Gebiete eritähren kann, zu, und 
damit differenzieren sich die Produktionsbedingungen für die einzelnen Produktions-' 
zweige. Der Boden wird teuer, die Arbeitsleistung relativ billig, der Kapitalzins sinkt. 
Damit wird beispielsweise der Getreidebau, der, so lange der Boden billig gewesen, 
rentabel war, unrentabel, während seitens der gestiegenen und wohlhabend gewordenen 
Bevölkerung eine Nachfrage entsteht, welche die Lerstellung qualifizierter landwirt 
schaftlicher Produkte sowie die Rohstoffverarbeitung rentabel macht; dagegen wird in 
den unentwickelten Ländern die Ausfuhr des auf ihrem billigen Boden gebauten 
Getreides vorteilhaft. Ein jedes Land erzielt mit seinen Produktivkräften nun in dem 
Maße Gewinn, in dem es seine Produktion auf die Produktionszweige konzentriert, 
welche die größtmöglichen Überschüsse abwerfen, und mittelst dieser seiner Produkte 
andereir Ländern die Produkte abkauft, die es durch solchen Amtausch billiger erhalten 
kann, als es sie selbst herstellen könnte. Je größer die Aberschüsse sind, welche einem 
Lande die in ihm betriebenen Produktionszweige abwerfen, desto größer ist der Vorteil, 
den es von diesenr internationalen Amsahc zieht, desto größer sein Anteil an der 
Weltproduktion. 
Damit ein jedes Land möglichst rasch den Produktionszweigen sich zuwende, 
deren Produkte ihm die größtmöglichen Äberschüffc über die aufgewendeten Kosten 
abwerfen, haben nun Lamilton in Nordamerika, Graf Chaptal in Frankreich und 
Friedrich List in Deutschland vorübergehende Schutzzölle befürwortet, um das Inland 
in den Erwerbszweigen, in denen es nur aus historischen Arsachen — wegen Kapital- 
mangels oder noch fehlender Arbcitsgeschicklichkeit — hinter der Produktion anderer
	        
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