4. Der Plan einer mitteleuropäischen Zollunion.
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Was hätte nun aber Deutschland für Vorteile von einer solchen Zollunion? Es
ist eine bekannte Tatsache, daß 70 % unseres Außenhandels den Seeweg benutzen;
wenn auch Staaten wie Frankreich, Italien, Rumänien, die Niederlande, Belgien daran
beteiligt sind, so liegt der Schwerpunkt des Verkehrs mit diesen doch im Landverkchr.
Vor allen Dingen beträgt allein der Spezialhandel, den wir mit diesen Ländern und
der Schweiz pflegen, in der Einfuhr (1903) 1174,9 Millionen Mark, d. s. mehr als
18,5 °/o unserer gesamten Einfuhr und in der Ausfuhr 1436,1 Millionen Mark, d. s.
28 °/o unserer ganzen Ausfuhr.
Was diese Länder an Fabrikaten vom Ausland beziehen, erhalten sie — soweit
cs nicht bereits deutschen Ursprungs ist — entweder von einem der andern mittel
europäischen Staaten, die ja, Rumänien, Bulgarien, Serbien ausgenommen, bereits
alle mehr oder minder hochentwickelte Industriestaaten sind, oder aber von England,
das indessen nach allen diesen Ländern erheblich weniger Fabrikate ausführt als
Deutschland. In den zu verdrängenden englischen Absatz würden sich alle mittel
europäischen Staaten zu teilen haben, so daß auf jeden von ihnen nicht viel entfallen
dürfte, wenn auch auf Deutschland das meiste.
Nun ist zwar mit Sicherheit anzunehmen, daß, weil die deutsche Industrie in
sehr viel Zweigen denen der andern in Betracht kommenden Staaten überlegen ist, sie
nach Aufhebung der gegenseitigen Zollschranken die dortige Industrie aus ihren eigenen
Absatzgebieten verdrängen würde; andererseits würde die belgische, französische, Schweizer,
italienische und österreichische Industrie, da sie vom übrigen Weltmarkt abgedrängt
wären, der deutschen im eigenen Land und auf den übrigen mitteleuropäischen Märkten
in vielen Zweigen einen sehr unbequemen Wettbewerb machen.
Aber immerhin angenommen, daß in dieser Konkurrenz der beteiligten Länder
untereinander sich die Bilanz zugunsten Deutschlands stellte, so würde dies einmal nicht
im entferntesten einen Ersah für den sonstigen damit aufs höchste gefährdeten Welt
handel geben, sodann aber — und dies nicht mit Anrecht — das Mißvergnügen der
weniger gut fortkommenden mitteleuropäischen Staaten, namentlich der industriell nicht
so fortgeschrittenen, erregen.
Gesetzt auch, da man auf den Austausch mit anderen Wirtschaftsgebieten nicht
verzichten kann, ein so umfangreicher Zollverein vermöchte ein größeres Schwergewicht
bei Landelsvertragsverhandlungen in die Wagschale zu werfen, als dies heute Deutsch
land vermag, so ist damit doch noch keineswegs gesagt, daß dies eine Stärkung seiner
Position bei solchen Verhandlungen bedeutet. Da, mit alleiniger Ausnahme der unteren
Donaustaaten, alle seine Teilnehmer auf die Einfuhr von landwirtschaftlichen Erzeug
nissen angewiesen sind, da alle, ohne Ausnahme, ihren Bedarf an tierischen und pflanz
lichen Spinnstoffen, an Kolonialwaren, Gewürzen, Gerbstoffen, gewissen Rohstoffen der
chemischen Industrie, an edlen und gewissen unedlen Metallen rc. re. entweder gar nicht
oder nur zum kleinsten Teil zu decken vermögen, also die Einfuhr gar nicht entbehren
könnten, während für die Ausfuhr tatsächlich nur Fabrikate in Betracht kommen, so würde
die Situation eine viel weniger günstige sein, als wenn jeder Staat einzeln mit dem
andern verhandelt, wo er für irgend eine Zollermäßigung den Nachlaß einer andern
herausschlagen kann, die schließlich durch die Meistbegünstigung auch andern zuteil
wird, ebenso wie er von den Errungenschaften der Verhandlungen dritter Staaten auf
diesem Wege profitiert.
Was an diesem Gedanken Brauchbares ist, das hat man bei den Vertrags-
verhandlungen 1891 angewendet, wo sich zuerst Österreich und Deutschland verständigten,
dann erst mit Italien verhandelten und dann immer dem Äauptinteressenten den ersten
Vertragsabschluß überließen, um hinterher durch eigene Verhandlungen auf andern
Gebieten weitere Zugeständnisse zu erreichen.