Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

376 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. I V. Deutsche Handelspolitik. 
Schon der Gedanke einer Zollunion zwischen Deutschland einerseits und Asterreich- 
Angarn andererseits — wie sie s. Z. zur Erreichung der Suprematie in Deutschland 
in den fünfziger Zähren von den österreichischen Staatsmännern Fürst Schwarzenberg 
und Frhr. von Bruck erstrebt wurde — ist eine Chimäre, denn er seht voraus, 
daß beide sich zollpolitisch vereinigenden Staaten auf annähernd derselben Löhe der 
wirtschaftlichen Entwickelung stehen. Ebenso wie er damals, abgesehen von allem 
andern, wesentlich an dieser Ungleichheit gescheitert ist, muß er auch in absehbarer Zukunft 
daran scheitern. In den Kreisen der österreichischen wie der ungarischen Industrie 
bekämpft man einen solchen Gedanken auch auf das energischste. Wir leiden in Deutsch 
land schon stark genug an der außerordentlich ungleichartigen wirtschaftlichen Entwickelung 
der einzelnen Gebiete, an den schroffen, dadurch hervorgerufenen Gegensätzen, — wie 
viel schlimmer würde dies, wenn auch Österreich-Angarn und nun gar Rumänien, 
Serbien, Bulgarien wirtschaftlich mit uns vereinigt wären! 
Denn darüber muß man sich klar werden: ein einheitliches Zollgebiet verlangt 
auch einheitliche indirekte Steuern, verlangt eine Verstäirdigung über die Verteilung 
des Auftommens aus den Zöllen und indirekten Steuern auf die einzelnen beteiligten 
Staaten. Da dies bei so verschiedenen Wirtschaftsstufcn und Gewohnheiten der ver 
schiedenen Länder unmöglich nach einem festen Schema geschehen kann, so ist ein Zoll 
parlament, ebenso wie ein Zollbundesrat eine unbedingte Notwendigkeit; denn ein 
Verhältnis, wie es im Zollverein bis 1866 bestand, war damals kaum zu ertragen, 
gehört aber bei den jetzigen Verhältniffen und bei den heterogenen dabei in Betracht 
kommenden Staatsgebilden einfach in das Gebiet der Unmöglichkeiten. 
Man braucht aber bloß einen Blick auf unsere Nachbarstaaten Hsterreich-Angarn 
zu werfen, auf die ewigen Zwistigkeiten, welche über diese Fragen entstehen: nichts 
hat das Verhältnis der beiden Völker so getrübt, wie das Gefühl, auf der einen 
Seite übervorteilt zu sein, auf der andern das Streben, sich wirtschaftlich unabhängig 
zu machen. And nun denke man sich die ;.t>a{>t)tontfc|>e Sprachverwirrung, wenn 
Deutsche, Franzosen, Österreicher, Angarn, Italiener, Schweizer, Belgier, Rumänen, 
Serben, Bulgaren rc. gemeinsain über die Fragen der Zölle und indirekten Steuern, 
über die Verteilung des Aufkommens aus denselben unter die einzelnen Staatswesen 
verhandeln und sich einigen sollten. Jeder einzelne Staat müßte eben vollständig darauf 
verzichten, sein Zoll- und Steuerwesen selbständig zu regeln. 
In diese Fesseln kann sich kein Staat begeben, ohne abzudanken. 
IV. Zur Deutschen Handelspolitik im 19. Jahrhundert. 
1. Deutsche Handelspolitik 
am Anfange des 19. Jahrhunderts. 
Von Karl Theodor Eheberg. 
Lbeberg, historische und kritische «Einleitung zu $i\ Lifts Nationalem System der politischen 
CDfotiomic. Stuttgart, I. <8. £otta, 1883. S. 3—7. 
Deutschland kannte zu Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts in 
der Hauptsache keine Zollschranken nach außen, aber im Innen, waren nicht nur die 
einzelnen Staatsgebiete, sondern auch Teile derselben mit einer Ansumme von Zoll-
	        
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