386 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. IV. Deutsche Handelspolitik.
unscheinbare und doch so folgenschwere Werk deutscher Geduld. Gleichmütig und
immer bei der Sache, pflichtgetreu und beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes
Mißtrauen entwaffnete, stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohl
wollen entgegenzukommen, — so hat er nach und nach die Trümmer Deutschlands
befreit aus den Banden eigener Torheit und ausländischer Ränke, den Weg bereitend
fiir größere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer sein als Friedrich der
Große war, der von dem glanzlos arbeitsamen Wirken seines Vaters sagte: „On doit
l’ombre du diene qui nous couvre ä la vertu du gland qui l'a produit.“
4. Das Jahr 1848.
Von Walter Loh.
kotz, Die Ideen der Deutschen ksnndclspolitik von ^860 bis (8y(. Leipzig, Duncker >5: ftumblot,
\8^2. s. 5—6.
Die moderne deutsche Entwicklung so ziemlich auf allen Gebieten ist nur zu ver
stehen, wenn man mindestens bis zum Jahre 1848 zurückgeht. Das Jahr 1848 war der
große Anmeldetermin für alle lang gehegten Wünsche und Beschwerden des deutschen
Volkes. Mit erneuter Lebhaftigkeit wurden auf politischem Gebiete die Forderungen
laut, welche seit den Befreiungskriegen Deutschland bewegten: das Sehnen nach der
deutschen Einheit und nach der Anteilnahme der Bürger an den Staatsgeschäften.
Aber auch auf wirtschaftlichem Gebiete gelangten mannigfache lang vertagte Wünsche
zur Äußerung. Man forderte nicht nur im engen Zusammenhange mit der politischen
Einheitsbewegung eine den politischen Idealen entsprechende Reform der Zollvereins
verfassung: nein, auch die Vertreter der materiellen Berufsinteressen der verschiedensten
Gesellschaftsschichten erwachen zum Selbstbewußtsein, sie heischen von der Staatsgewalt
Berücksichtigung ihrer besonderen Wünsche und Beschwerden. Schon in der vor
märzlichen Zeit hatte außer dem grundbesitzenden Adel eine Klasse sich auf ihr wirt
schaftliches Selbstbestimmungsrecht besonnen. Die Klasse der Fabrikanten, geführt von
dem talentvollsten Agitator der Zeit, von Friedrich List, war zur Wahrnehmung ihrer
Interessen bereits erzogen worden und hatte den Weg der öffentlichen Propaganda
mit Erfolg beschritten. Nunmehr, von 1848 an, beginnen auch die übrigen Klassen
der Nation, ihre Interessen gegenüber dem Beamtentums selbst zu verfechten. Das
Jahr 1848 ist es, in welchem die Handwerker, die Bauern, ja bereits auch die Fabrik
arbeiter ein Programm zu formulieren suchen. Die Programme von 1848 bilden die
Einleitung zu Bewegungen, die bis in die jüngste Gegenwart reichen. Besonders für die
Entwicklung des Kampfes zwischen Schutzzoll und Freihandel im Zollvereine leitet das
Jahr 1848 den Beginn einer neuen Zeit ein, und zwar nicht bloß, weil 1848 die
Schutzzöllner und die Freihändler zum Gebrauche der Nationalversammlung in ge
sonderten Entwürfen ihre tarifpolitischen Wünsche zum Ausdruck bringen, — diese
Tarifentwürfe blieben zunächst, so gut wie manches andere aus dem Jahre 1848,
wertvolles Material — vielmehr deshalb, weil das Jahr 1848 in zweierlei Hinsicht
einen Wendepunkt in der Gedankenentwicklung der Deutschen Handelspolitik bedeutet.
Die beiden Momente, worin sich dies offenbart, sind folgende: erstens wird von 1848
an die Handelspolitik ein Teil der Frage, die bis 1866 allen anderen Fragen vor
anstand, der „Deutschen Frage". Auf dem Gebiete der Handelspolitik wird schon vor
Königgräh der Kampf ausgefochten, ob das neue Deutsche Reich unter Österreichs oder