Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

388  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

dies  untersagte;  die  Folge  eines  solchen  Verbotes  würde  sein,  daß  sie  nicht  nur  den
englischen,  sondern  auch  den  deutschen  Markt  für  ihre  bessere  Ware  verlieren  würden,
da  man  auch  in  Deutschland  die  englische  Ware  vorzöge.
Trotz  langer  Debatten  kam  es  zu  keiner  Verständigung  zwischen  uns.  Die
Deputation  erkannte  wohl  an,  daß  die  deutsche  Industrie  selbstmörderisch  handelte,  wenn
sie  ihre  gute  Ware  als  fremdes  und  nur  die  schlechtere  als  eigenes  Fabrikat  auf  den
Martt  brächte,  sic  schob  die  Schuld  aber  auf  das  kaufende  Publikum,  welches  es  so
verlangte.  Wir  schieden  daher  im  Zwiespalt,  und  ich  glaube,  ich  wäre  nicht  wiedergewählt ­
  worden,  wenn  ich  mich  nochmals  zur  Wahl  gestellt  hätte.  Das  Verbot  hat
im  übrigen  gut  gewirkt,  wenn  es  auch  leider  nicht  in  voller  Schärfe  durchgeführt  wurde.
Es  hat  sich  seitdem  in  jenem  alten  und  berühmten  Industriebezirke,  wie  überhaupt  in
der  ganzen  deutschen  Technik  schon  ein  Fabrikantenstolz  herausgebildet,  der  nur  gute
Ware  zu  liefern  gestattet,  und  man  hat  auch  vielfach  schon  eingesehen,  daß  in  dem
guten  Rufe  der  Fabrikate  eines  Landes  ein  wirksamerer  Schuh  liegt  als  in  hohen
Schutzzöllen.
Ein  wirksames  Schutzzollsystem,  welches  der  Industrie  den  Konsum  des  eigenen
Landes  sichert,  läßt  sich  überhaupt  nur  dann  konsequent  durchführen,  wenn  dieses  Land,
wie  z.  B.  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  alle  Klimate  umfaßt  und  alle
Rohprodukte,  deren  seine  Industrie  bedarf,  selbst  erzeugt.  Ein  solches  Land  kann  sich
gegen  jeden  Import  absperren,  vermindert  dadurch  aber  gleichzeiüg  seine  eigene  Exportfähigkeit. ­
  Es  muß  als  ein  Glück  für  Europa  betrachtet  werden,  daß  Amerika  durch
sein  prohibitives  Schutzzollsystem  die  gefahrdrohende,  schnelle  Entwicklung  seiner  Industrie
gehemmt  und  seine  Exportfähigkeit  verringert  hat.  Das  durch  hohe  Schutzzollbarriercn
zerrissene  Europa  gewinnt  dadurch  Zeit,  die  Gefahr  seiner  Lage  zu  erkennen,  die  ihm
den  Wettbewerb  mit  einem  zollfreien  Amerika  auf  dem  Weltinarkte  unmöglich  machen
wird,  wenn  es  ihm  nicht  rechtzeitig  als  merkantil  organisierter  Weltteil  gegenübertritt.
Der  Kampf  der  alten  mit  der  neuen  Welt  auf  allen  Gebieten  des  Lebens  wird  allem
Anscheine  nach  die  große,  alles  beherrschende  Frage  des  kommenden  Jahrhunderts
sein,  und  wenn  Europa  seine  dominierende  Stellung  in  der  Welt  behaupten  oder  doch
wenigstens  Amerika  ebenbürtig  bleiben  will,  so  wird  cs  sich  beizeiten  auf  diesen
Kampf  vorbereiten  müssen.  Es  kann  dies  nur  durch  möglichste  Wegräumung  aller
innercuropäischen  Zollschranken  geschehen,  die  das  Absatzgebiet  einschränken,  die
Fabrikation  verteuern  und  die  Konkurrenzfähigkeit  auf  dem  Weltmärkte  verringern.
Ferner  muß  das  Gefühl  der  Solidarität  Europas  den  anderen  Weltteilen  gegenüber
entwickelt,  und  es  müssen  dadurch  die  innereuropäischen  Macht-  und  Jnteressensragen
auf  größere  Ziele  hingelenkt  werden.*)

6.  Fürst  Bismarck  als  Handelspolitiker.
Von  Magnus  Biermer.

Biermer,  Fürst  Bismarck  als  Volkswirt.  2.  Aufl.  Greifswald,  Julius  Abel,  ;8yA.  S.  t?ff.
Schmoller  hat  in  seinen  berühmten  vier  sozialpolittschen  Briefen  an  die  Berliner
Wochenschrift  „Soziale  Praxis"  gesagt,  Bismarck  stehe  in  volkswirtschaftlicher  Beziehung
auf  der  Grenzscheide  zwischen  einem  manchesterlich  und  einem  sozialistisch  gefärbten  Zeitalter.
Mit  diesen  Worten  ist  die  dem  leitenden  Staatsmann  gestellte  Lebensaufgabe  in  nationalökonomischer ­
  Hinsicht  ebenso  kurz  wie  tteffend  charakterisiert.  Alle  Kombinationen,  die
*)  s.  den  Aufsatz  von  Georg  Gothein  „Der  plan  einer  mitteleuropäischen  Zollunion."
5.  373  —576.  —  G.  Hl.
            
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