Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Fürst  Bismarck  als  Landclspolitikcr.

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Dieses  Kompromiß  erwies  sich  in  der  ganzen  Periode  als  eine  sichere  und  zuverlässige
Basis,  auf  die  sich  Bismarck  als  Wirtschaftspolitiker  nunmehr  stützen  konnte.
Das  eigentlich  Neue  in  dem  Bismarckischen  Schutzzollsystem  sind  die  Agrarzölle.
Wie  weit  sie  ein  dauerndes  Heilmittel  gewähren,  ist  sehr  bestritten.  Aus  den  handelspolitischen ­
  Reden  des  Fürsten  Bismarck,  so  lange  er  im  Amte  und  für  sie
verantwortlich  war,  geht  unzweifelhaft  hervor,  daß  er  mit  dem  Schutze  der  einheimischen
Landwirtschaft  in  erster  Linie  einen  Krisenschutz  gegenüber  dem  überwältigenden
Ansturm  des  ausländischen  Imports  schaffen  wollte.  Keinem  Staate  kann  es  gleichgiltig
  sein,  daß  ein  großes  und  altes  Gewerbe,  aus  welchem  auch  heute  noch  die
hauptsächlichste  Blutauffrischung  des  nationalen  Organismus  hervorgeht,  durch  Amwälzungen ­
  der  Weltmarktverhältnisse  in  seinen  Daseinsbedingungen  verkümmert  wird.
Man  will  also  den  wirtschaftlichen  Vernichtungs-  und  Verdrängungskampf,  dem  wertvolle ­
  Bestandteile  der  staatlichen  Gesellschaft  ausgesetzt  sind,  durch  eine  Abwehr  nach
außen  vorbeugen.  Was  geschützt  werden  soll,  ist  nicht  ein  junges,  zu  neuem  Aufschwung
berufenes  Gewerbe,  sondern  ein  in  der  Zersetzung  begriffenes,  altes.  Lier  heißt  es
also  die  Krisis  abschwächen,  den  Amwälzungsprozeß  mildern,  um  gleichzeitig  Zeit  zu
gewinnen  für  eine  Agrarpolitik  im  Innern,  deren  nächstes  Ziel  eine  Besitzreform  sein
wird.  Ob  es  angängig  ist,  dauernd  den  deutschen  Konsumenten  am  Mitgenuß  an  der
auf  dein  gesamten  Weltmarkt  eingetretenen  Verbilligung  der  hauptsächlichsten  Nahrungsmittel ­
  zu  verhindern,  erscheint  zweifelhaft.  Bismarck  bejahte  diese  Frage  und  zeigte  sich
deswegen  auch  als  so  entschlossener  Gegner  der  späteren  Landelsvertragspolitik.  Er  konnte
das  umsomehr,  als  er  oft  genug  behauptet  hat,  daß  den  Agrarzoll  das  Ausland  trage.
Die  Wissenschaft,  besonders  die  Statistik,  haben  ihn  in  dieser  Richtung  in  einspruchsfreier ­
  Weise  widerlegt.  Auf  dem  schwierigen  Gebiete  der  Steuerüberwälzung  sind
überhaupt  seine  Ansichten  nicht  frei  von  einer  gewissen  Befangenheit,  wie  er  auch  das
Verhältnis  der  Erwerbsstände  zueinander  gelegentlich  recht  einseitig  konstruiert  hat.
Das  geflügelte,  durch  seine  Parlamentsreden  wieder  kursfähig  gemachte  Wort:  „Lat
der  Bauer  Geld,  so  hats  die  ganze  Welt"  ist,  näher  betrachtet,  nicht  viel  mehr  als
eine  wirtschaftspolitische  Tagesphrase.  Mit  gleichem  Recht  könnte  man  sagen,  geht  es
unserer  Industrie  gut,  sind  die  Arbeiter  voll  beschäftigt  und  gut  gelohnt,  so  findet  auch
die,  auf  den  im  Industriegebiet  berechneten  Absatz  angewiesene,  billig  und  intensiv
produzierende  Landwirtschaft,  zumal  wenn  sic  sich  nicht  nur  ausschließlich  auf  den
Körnerbau  ivirft,  rentablen  Amsatz.
Bismarck  wird  von  unseren  Agrariern  stets  als  Eideshelfer  gegen  alle  und  jede
Landelsvertragspolitik  herangezogen.  And  in  der  Tat  hat  er  in  seinem  Lamburger
Preßorgan  sich  wiederholt  in  diesem  Sinne  geäußert.  Man  darf  aber  nicht  übersehen,
daß  er  damals  der  grollende  Achill  war,  der  in  unversöhnlicher  Opposition  verharrte
und,  wie  jede  Opposition,  zu  übertreiben  geneigt  war.  Wäre  er  am  Ruder  geblieben
und  hätte  er  weiter  die  Fäden  der  Weltpolitik  in  Länden  gehabt,  so  hätte  er
wahrscheinlich  manche  seiner  Forderungen,  die  seinem  Amtsnachfolger  so  große  Schwierigkeiten ­
  bereitet  haben,  erheblich  herabgcstimmt.  Es  lag  nicht  in  seiner  Natur,  ä  tout
prix  sich  auf  einen  prinzipiell  gewonnenen  Standpunkt,  den  autonomen  Tarif,  zu  versteifen. ­
  Nicht  darauf  kommt  es  an,  ob  wir  am  beweglichen  und  selbständigen  Tarif
festhalten,  oder  ob  wir  uns  für  Jahre  vertragsmäßig  binden,  sondern  darauf,  welche
Tarifsätze  hüben  und  drüben  für  uns  am  vorteilhaftesten  sind.  Die  Industrie,  die  jetzt
in  Deutschland  neben  der  Landwirtschaft  mindestens  gleichwertig  mitzusprechen  hat,
wünscht  in  erster  Linie  möglichste  Stetigkeit  in  ihren  handelspolitischen  Beziehungen
zum  Ausland.  Die  industrielle  Entwickelung,  der  wir  unsere  zunehmende  Wohlhabenheit
verdanken  und  damit  auch  die  Sicherheit  unserer  militärisch-politischen  Lage,  künstlich
wiederzurückzudrängen,  heißt  einer  Atopie  nachjagen,  die  von  keinen:  verständigen
Menschen  ernst  genommen  werden  kann.  Die  rapide  Ausdehnung  der  deutschen
            
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