Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

392  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

Manufakturen  ist  im  heutigen  Völkerkonzert  ein  machtgebietender  Faktor,  der  nicht  außer
Anschlag  gebracht  werden  darf.  Ihre  Größe  und  Leistungsfähigkeit  verdankt  sic  aber  in
erster  Linie  der  Bismarckianischen  .Handelspolitik.  Diese  Tat  wird  ihm  nie  vergessen  werden.
Anmerkung.  Aus  dem  berühmten  Schreiben,  das  Fürst  Bismarck  unter  dem  15.  Dezember ­
  1878  an  den  Bundesrat  richtete,  mögen  nach  !f.  A.  Bueck,  Der  Zentralverband  Deutscher
Industrieller  I87S  —  1901.  \.  Bd.  Berlin,  I.  Gnttentag,  1902.  5.  582  —  58-1  die  folgenden
charakteristischen  Stellen  hier  mitgeteilt  werden:
„Ich  lasse  dahingestellt,  ob  ein  Zustand  vollkommener  gegenseitiger  Freiheit  des  internationalen ­
  Verkehrs,  wie  ihn  die  Theorie  des  Freihandels  als  Ziel  vor  Augen  hat,  dem  Interesse
Deutschlands  entsprechen  würde.  Solange  aber  die  meisten  der  Länder,  auf  welche  wir  mit  unserem
Verkehr  angewiesen  sind,  sich  mit  Zollschranken  umgeben  und  die  Tendenz  zur  Erhöhung  derselben
noch  im  Steigen  begriffen  ist,  erscheint  es  mir  gerechtfertigt  und  im  wirtschaftlichen  Interesse  der
Nation  geboten,  uns  in  der  Befriedigung  unserer  finanziellen  Bedürfnisse  nicht  durch  die  Besorgnis
einschränken  zu  lassen,  daß  durch  dieselben  deutsche  Produkte  eine  geringe  Bevorzugung  vor  ausländischen ­
  erfahren.
Der  setzt  bestehende  Vereinszolltarif  enthält  neben  den  reinen  Finanzzöllen  eine  Reihe  von
mäßigen  Schutzzöllen  für  bestimmte  Industriezweige
Schutzzölle  für  einzelne  Industriezweige  aber  wirken,  zumal  wenn  sie  das  durch  die  Rücksicht
auf  den  finanziellen  Ertrag  gebotene  Naß  überschreiten,  wie  ein  Privilegium  und  begegnen  auf
Seiten  der  Vertreter  der  nicht  geschützten  Zweige  der  Erwerbstätigkeit  der  Abneigung,  welcher
jedes  Privilegium  ausgesetzt  ist.  Dieser  Abneigung  wird  ein  Zollsystem  nicht  begegnen  können,
welches  innerhalb  der  durch  das  finanzielle  Interesse  gezogenen  Schranken  der  gesamten  inländischen
Produktion  einen  Vorzug  vor  der  ausländischen  Produktion  auf  dem  einheimischen  Markt  gewährt.
Ein  solches  System  wird  nach  keiner  Seite  hin  drückend  erscheinen  können,  weil  seine  Wirkungen
sich  über  alle  produzierenden  Kreise  der  Nation  gleichmäßiger  verteilen,  als  es  bei  einem  System
von  Schutzzöllen  für  einzelne  Industriezweige  der  Fall  ist.  Die  Minderheit  der  Bevölkerung,
welche  überhaupt  nicht  produziert,  sondern  ausschließlich  konsumiert,  wird  durch  ein  die  gesamte
nationale  Produktion  begünstigendes  Zollsystem  scheinbar  benachteiligt.  Wenn  indessen  durch  ein
solches  System  die  Gesamtsumme  der  im  Inlande  erzeugten  Werte  verinehrt  und  dadurch  der
Volkswohlstand  im  ganzen  gehoben  wird,  so  wird  dies  schließlich  auch  für  die  nicht  produzierenden
Teile  der  Bevölkerung  und  namentlich  für  die  auf  festes  Geldeinkommen  angewiesenen  Staatsund ­
  Gemeindebeamten  von  Nutzen  sein;  denn  es  werden  der  Gesamtheit  dann  die  Mittel  zur
Ausgleichung  von  ftärten  zu  Gebote  stehen,  falls  sich  in  der  Tat  eine  Erhöhung  der  Preise  der
Lebensbedürfnisse  aus  der  Ausdehnung  der  Zollpflichtigkeit  auf  die  Gesamteinfuhr  ergeben  sollte.
Line  solche  Erhöhung  wird  jedoch  in  dem  Maße,  in  welchem  sie  von  den  Konsumenten  befürchtet
zu  werden  pflegt,  bei  geringen  Zöllen  voraussichtlich  nicht  eintreten,  wie  ja  auch  umgekehrt  nach
Aufhebung  der  Mahl-  und  Schlachtstener  die  Brot-  und  Fleischpreise  in  den  früher  davon  betroffenen
Gemeinden  nicht  in  einer  bemerkbaren  Weise  zurückgegangen  sind.
Eigentliche  Finanzzölle,  welche  auf  Gegenstände  gelegt  sind,  die  im  Inlande  nicht  vorkommen,
und  deren  Einfuhr  unentbehrlich  ist,  werden  zum  Teil  den  Inländer  allein  treffen.  Bei  Artikeln
dagegen,  welche  das  Inland  in  einer  für  den  einheimischen  verbrauch  ausreichenden  Menge  und
Beschaffenheit  zu  erzeugen  im  stände  ist,  wird  der  ausländische  Produzent  den  Zoll  allein  zu  tragen
haben,  um  auf  dem  deutschen  Markt  noch  konkurrieren  zu  können.  In  solchen  Fällen  endlich,  in
denen  ein  Teil  des  inländischen  Bedarfs  durch  auswärtige  Zufuhr  gedeckt  werden  muß,  wird  der
ausländische  Konkurrent  meist  genötigt  sein,  wenigstens  einen  Teil  und  oft  das  Ganze  des  Zolls
zu  übernehmen  und  feinen  bisherigen  Gewinn  um  diesen  Betrag  zu  vermindern  wenn
im  praktischen  Leben  wirklich  der  inländische  Konsument  es  wäre,  dem  der  erhöhte  Zoll  zur  Last
fällt,  so  würde  die  Erhöhung  dem  ausländischen  Produzenten  gleichgültiger  sein.
Soweit  hiernach  der  Zoll  dem  inländischen  Konsumenten  überhaupt  zur  Last  fällt,  tritt  er
hinter  den  sonstigen  Verhältnissen,  welche  auf  die  ftöhe  der  Warenpreise  von  Einfluß  sind,  in  der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.