Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

394  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.
Vertrage  zugestanden  sei  und  gegenüber  den  meistbegünstigten  Staaten  verallgemeinert
werden  müsse,  nicht  darum,  daß  die  Landwirtschaft  Opfer  bringe,  vielmehr  darum,  daß
nach  wie  vor  den  Landwirten  von  der  deutschen  Bevölkerung  Opfer  gebracht  würden.
Er  betonte  auch  in  der  Folge,  daß  er  die  Getreidezölle  für  ein  schweres,  vom  Volke
gebrachtes,  jedoch  notwendiges  Opfer  ansehe.  Man  habe  mit  gutem  Grunde  nicht
den  Rat  befolgt,  vor  Abschluß  neuer  Handelsverträge  zunächst  einen  neuen,  allgemeinen
deutschen  Zolltarif  mit  höheren  Sätzen  aufzustellen.  Es  würde  das  nur  das  Signal
gewesen  sein,  daß  auch  die  übrigen  Staaten  ihren  Tarif  erhöht  hätten.  Der  Zollkampf
würde  sich  noch  verschärft  haben.  Sobald  sich  ein  Volk  an  hohe  Zölle,  seien  es  auch
Kampfzölle,  gewöhnt  habe,  schwänden  die  Chancen  für  Verhandlungen  dahin.  Bereits
jetzt  habe  man  bittere  Früchte  der  1879—91  befolgten  Politik  zu  kosten  gehabt.
„Wir  hätten  eine  Menge  Dinge,  die  wir  jetzt  von  Osterreich-Üngarn  erkauft  haben,
vor  einigen  Jahren  umsonst  haben  können".  Seit  Deutschland  Schutzzoll  treibe,  seien
Industrien  in  Osterreich-Tlngarn  entstanden,  die  noch  vor  10  Jahren  nicht  existierten.
Dieselben  beanspruchten  nun  Schutz  von  der  österreichisch-ungarischen  Regierung.
Freiherr  v.  Marschall  führte  in  ähnlichem  Sinne  aus:  „In  Deutschland  wird
das  Schutzzollsystem  ein  gemäßigtes  sein,  oder  es  wird  nicht  sein".
Die  neue  Handclsvertragspolitik  wurde  somit  nicht  als  Abkehr  vom  Schutzzölle,
sondern  nur  als  Milderung  des  bisherigen  Hochschutzzollsystems  betrachtet.  Die  hauptsächliche ­
  ökonomische  Motivierung  für  diesen  Schritt  war
1.  die  Rücksicht  auf  die  internationale  Lage  und
2.  die  Rücksicht  auf  die  Ernährung  der  arbeitenden  Klassen  angesichts  der
Bevölkerungsznnahme  in  Deutschland.
Im  internationalen  Verkehr  würde  nach  Ansicht  der  Regierung,  wenn  Deutschland
auf  den  Abschluß  der  Handelsverträge  nicht  eingegangen  wäre,  ein  Krieg  aller  gegen
alle  entstanden  sein.  Die  Meistbegünstigung  habe  mit  dem  Erlöschen  der  französischen
Tarifverträge  nicht  mehr  die  Bedeutung,  dem  deutschen  Export  bestimmte  Zollsätze  des
Auslandes  zu  sichern.  Die  Vorteile  des  Systems  von  1879—87  hätten  sich,  so
führte  General  v.  Caprivi  aus,  in  dem  Maße  in  Nachteile  verkehrt,  in  dem  andere
Staaten  dasselbe  System  annahmen.  Bloße  Meistbegünstigung  sei  „Gesamtbeschädigung" ­
  geworden.  Auf  dem  bisherigen  Wege  fortzugehen,  würde  der  Ruin
nicht  nur  unserer  Industrie,  unseres  Arbeiterstandes,  sondern  auch  vielleicht  des  Staates
sein.  Der  Kernsatz  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  Motivierung  der  neuen  Polittk
aus  der  internationalen  Lage  heraus  ist  in  der  Regierungsdenkschrift  in  folgenden
Worten  enthalten:
„Der  Abschluß  neuer  internationaler  Verträge  mit  bloßer  Meistbegünstigung
ohne  Tariffestsetzung  würde  Deutschland  zwar  die  Möglichkeit  belassen,  der  einheimischen
Produktion  den  eigenen  Markt  durch  beliebige  Schutzzölle  zu  sichern,  für  die  Offenhaltung ­
  der  für  unsern  Export  unentbehrlichen  Auslandsmärkte  aber  nicht  die  geringste
Garantie  bieten.  Angesichts  des  mit  der  zunehmenden  Steigerung  der  Produktton  und
ihrer  Hilfsmittel  immer  heftiger  gewordenen  Wettkampfes  aller  wirtschaftlich  fortgeschrittenen ­
  Staaten  ist  zwischen  diesen  ein  dauernder  Handelsverkehr  nur  denkbar  in
der  Form  eines  rationellen  Austausches  von  Gütern,  und  letzterer  setzt  wiederum  eine
gewisse  gegcnseittge  Beschränkung  der  freien  Verfügung  auf  zolltarifarischem  Gebiete
voraus.  Deutschland  würde,  zumal  bei  den  heute  herrschenden  handelspolitischen
Strömungen,  auf  die  Erhaltung  seiner  Ausfuhr  nicht  rechnen  diirfen,  wenn  es  nicht
durch  eine  solche  Beschränkung  seinerseits  anderen  Ländern  die  Möglichkeit  gewährt,
die  empfangene  Ware  ganz  oder  teilweise  in  eigenen  Produkten  zu  bezahlen."
Der  andere  Grundgedanke  der  wirtschaftlichen  Argumentation  für  die  neue
Handelsvertragspolitik,  die  Fürsorge  für  wohlfeile  Ernährung  und  für  Arbeitsgelegenheit ­
  angesichts  fortwährend  steigender  Bevölkerung,  wurde  vom  Reichskanzler  in
            
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