Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

398  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  .Handelspolitik.

Infolge  ihrer  wirtschaftlichen  Rückständigkeit  (Mangel  an  eigenem  Kapital,  an
geeigneten  Lehranstalten,  an  Kredit--  und  Transporteinrichtungen,  an  Amlaufsmitteln  usw.)
sind  also  die  Russen  gezwungen,  große  Warenmengen  nach  dem  wirtschaftlich  höherentwickelten ­
  Deutschen  Reiche  zu  schicken,  ohne  dafür  ein  Äquivalent  in  Waren
zu  empfangen.  Wie  groß  diese  Warenmengen  sind,  läßt  sich  nicht  annähernd  genau
feststellen.  Insbesondere  ist  nicht  bekannt,  in  welchem  Maße  die  Russen  den  Deutschen
verschuldet  sind,  d.  h.  hauptsächlich  wie  viel  russische  Wertpapiere  (Staatsschuldenscheine,
Eisenbahnobligationen,  Industriepapiere)  in  Deutschland  plaziert  sind.  Im  ganzen  hatte
Rußland  nach  mehrfachen  Schätzungen  bereits  vor  ungefähr  10  Jahren  etwa  150  Millionen
Kreditrubel  zur  Bezahlung  von  Zinsen,  Dividenden  usw.  jährlich  an  das  Ausland  zu
entrichten.  Diese  Summe  ist  jetzt,  namentlich  seit  der  außerordentlichen  Steigerung
des  Kapitalzuflusses  vom  Auslande  nach  Rußland  in  den  letzten  5—6  Jahren,  zweifellos
bedeutend  größer.  Ein  beträchtlicher  Teil  derselben  geht  nach  Deutschland,  der  Rest
hauptsächlich  nach  England  und  Frankreich.  Die  Ausgaben  der  in  Deutschland  lebenden
Russen,  sowie  die  deutschen  Äandels-  und  Frachtgewinne  lassen  sich  ebensowenig
abschätzen.  Als  jährliche  Mehrausfuhr  von  Edelmetall  aus  Deutschland  nach  Rußland ­
  in  den  Jahren  1890—1899  nennt  die  deutsche  Statistik  55  Millionen  Mark.*)
Die  Warenbewegung  von  Deutschland  nach  Rußland  hat  zum  Teil  andere  Beweggründe. ­
  In  erster  Linie  bezwecken  die  Deutschen  natürlich  auch  den  Austausch
ihrer  Lauptprodukte  gegen  solche,  welche  vorteilhafter  in  Rußland  hergestellt  werden.
Da  jedoch  Rußland  nicht  viel  mehr  als  das  zur  Existenz  seiner  Bevölkerung  Notwendige
erzeugt  und  außerdem  so  viel  Schulden  zu  bezahlen  hat,  so  ist  die  Menge  der  in  Rußland ­
  für  den  Austausch  gegen  die  begehrenswerten  Produkte  des  Auslands  verfügbaren ­
  Güter  eng  begrenzt;  infolgedessen  ist  die  Möglichkeit  des  Absatzes  deutscher
Produkte  in  dem  russischen  Reiche,  das  seine  gewaltigen  Produktivkräfte  noch  nicht
genügend  anzuwenden  versteht,  verhältnismäßig  gering.  Das  arme  Rußland  kauft
uns  tatsächlich  auch  nicht  halb  so  viel  Produkte  ab  wie  z.  B.  das  reiche  England.
Anter  den  mehreren  hundert  Millionen  Mark,  welche  Deutschland  in  Warenform
nach  Rußland  sendet,  sind  jedoch  noch  große  Beträge,  für  welche  Deutschland  nicht
sofort  ein  Äquivalent  in  russischen  Waren  empfängt.  Es  sind  dies  exportierte
Kapitalien,  welche  auf  deutsche  Rechnung  in  Rußland  produktiv  angelegt  werden;  denn
das  deutsche  „Geld",  welches  in  die  russische  Industrie  „gesteckt"  wird,  wandert  vielfach ­
  nicht  als  Gold  oder  Silber  nach  Rußland,  sondern  als  Ware,  die  man  in  Rußland ­
  bei  der  Produktion  verwenden  kann  (Maschinen,  Kohlen,  Rohstoffe  und  Lalbsabrikate).

Die  Zahl  der  deutschen  Reisenden,  welche  des  Studiums  oder  Vergnügens
wegen  sich  in  Rußland  aufhalten,  ist  nicht  groß;  die  Werte,  welche  sie  der  russischen
Volkswirtschaft  zuführen,  sind  daher  gering.  Weitaus  die  meisten  Deutschen,  welche
nach  Rußland  gehen,  tun  dies  zu  Erwerbszwecken;  was  sie  in  Rußland  verdienen,
fließt  in  der  Regel  nach  Deutschland;  dies  dürste  im  allgemeinen  mehr  sein,  als  was
sie  aus  Deutschland  nach  Rußland  mitbringen.  Es  sind  noch  die  nach  Rußland
gelangenden  Lohnbeträge  der  russisch-polnischen  Wanderarbeiter  zu  nennen,  welche
alljährlich  in  den  östlichen  Teilen  Deutschlands  während  einer  Reihe  von  Monaten
Beschäftigung  finden;  wie  groß  diese  Werte  sind,  ist  kaum  zu  berechnen.
Äberblickt  man  nun  diese  gesamten,  den  deutsch-russischen  Warenumsatz  bestimmenden
Verhältnisse,  so  ist  es  wohl  einleuchtend,  daß  die  Ausfuhr  Rußlands  nach  Deutschland ­
  bedeutend  größer  sein  wird  als  die  Ausfuhr  Deutschlands  nach  Rußland,  es
müßte  denn  sein,  daß  die  deutsche  Kapitalausfuhr  nach  Rußland  in  einem  Jahre  einen
außerordentlich  großen  Amfang  annimmt.  Deutschland  sollte  also  hiernach  Rußland

*)  ;sJo—  \yo5  betrug  die  jährliche  Mehrausfuhr  rund  Millionen  Mark.  —  <S.  ITT.
            
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