Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

400  Vierter  Teil.  Weltwirtschaft  und  Handelspolitik.  IV.  Deutsche  Handelspolitik.

10.  Zur  Geschichte  der  Eisenzölle.
Von  Max  Sering.
Lering,  Geschichte  der  preußisch-deutschen  Lisenzölle  von  ;s;8  bis  zur  Gegenwart.  Leipzigs
Duncker  &  ftuinblot,  ;882.  5.  259—263.
Blickt  man  auf  das  Werden  und  Wachsen  der  deutschen  Eisenindustrie,  so  gewährt
cs  ein  besonderes  Interesse,  die  Verschiedenartigkeit  der  Mittel  zu  beobachten,  deren
sich  die  Handelspolitik  zur  Unterhaltung  und  Belebung  dieser  reichen  Quelle  von
Kultur  und  Wohlfahrt  in  den  einzelnen  Entwickltntgsstadien  derselben  bedient  hat.
Es  erscheint  das  Ganze  als  die  Durchführung  eines  großen  Erziehungsprozesses,  vergleichbar ­
  dem  eines  einzelnen  Menschen.  In  der  Kindheit  wird  ihm  jede  Handlung
und  Bewegung  gewiesen,  jede  Störung  von  dem  zarten  Organismus  aus  das  sorgsamste
abgehalten,  im  Jünglingsalter  ziehen  Eltern  und  Erzieher  die  schützende  und  führende
Land  allmählich  zurück,  bis  endlich  der  fertige  Mann  in  stolzer  Selbständigkeit  den
Kampf  mit  der  rauhen  Wirklichkeit  mutig  aufnimmt  und  gerade  in  diesem  Kampfe  zu
immer  größerer  Tatkraft  erstarkt.
So  kann  die  Zeit  vom  Dreißigjährigen  Kriege  bis  zum  Anfange  des  19.  Jahrhunderts ­
  als  die  Kindheit  der  deutschen  Industrie,  der  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts
als  ihr  Jünglingsalter  angesehen  werden,  und  es  fragt  sich  nur  noch  bei  jedem  einzelnen
Industriezweige,  ob  er  schoit  zur  männlichen  Entwicklung  herangereift  ist,  oder  ob  er
noch  eine  Zeit  lang  des  Schutzes  und  der  Erziehung  bedarf.
Im  18.  Jahrhundert  galt  es,  Deutschland  aus  dem  furchtbaren  Elend,  in  welches
es  der  Dreißigjährige  Krieg  und  die  politische  Ohnmacht  des  Reichs  gestürzt  hatten,
herauszuheben  und  einer  armen  und  gesunkenen  Bevölkerung  neue  Erwerbsquellen  zu
eröffnen.  Dieser  Aufgabe  nahmen  sich  die  Landesherren  in  Preußen  an.  Künstlich
belebte  Einwanderung  aus  industriellen  Gegenden,  Geldvorschüsse,  Geschenke,  Regelung
der  gewerblichen  Verfassung  und  der  Technik  seitens  der  Obrigkeit,  ausgedehnter  staatlicher ­
  Gewerbe-  und  Landelsbetrieb,  möglichste  Absperrung  jedes  einzelnen  Industriebezirks
  und  des  ganzen  Staatsgebietes  gegen  das  weiter  vorgeschrittene  Ausland,  —
dies  waren  die  scharf  eingreifenden  und  straff  gehandhabten  Mittel,  wodurch  es  gelang,
den  geschwundenen  Gewerbfleiß  in  Preußen  neu  zu  beleben  und  die  Grundlage  zur
späteren  Entfaltung  desselben  zu  schaffen.
Mit  der  Proklamierung  der  Gcwerbefreiheit  im  Jahre  1810  hörte  dann  jede
direkte  LInterstühung  der  Industrie  von  seiten  des  Staates  auf.  Rur  blieb  noch
lange  Zeit  speziell  für  die  Eisenindustrie  das  landesherrliche  Lüttenwesen  als  Beispiel
eines  mustergültigen  Betriebes  erhalten;  es  wurde  jedoch,  als  die  Tüchtigkeit  der  Privathütten ­
  immer  mehr  wuchs,  allmählich  eingeschränkt.
Auch  die  Landelspolitik  erfuhr  mit  der  großen  Zollreform  von  1818  eine  vollständige ­
  Umwandlung.  Dem  Auslande  gegenüber  behielt  man  einen  mäßigen  Schutzzoll ­
  bei,  welcher  die  Konkurrenz  desselben  absichtlich  nicht  ausschloß;  denn,  wie  sich  die
berühmte  Geschäftsinstruktion  vom  26.  Dezember  1808  —  einigermaßen  den  Ereignissen
vorgreifend  —  äußerte,  hielt  man  „neben  der  Anbcschränktheit  bei  Erzeugung  und
Verfeinerung  der  Produkte  die  Leichtigkeit  des  Verkehrs  und  Freiheit  des  Landels,
sowohl  im  Inneren  als  mit  dem  Auslande,  für  ein  notwendiges  Erfordernis  zum
Gedeihen  von  Industrie,  Gewerbfleiß  und  Wohlstand,  zugleich  auch  für  das  natürlichste, ­
  wirksamste  und  bleibendste  Mittel,  ihn  zu  befördern."  Die  wichtigste  Seite  der
großen  preußischen  Zollreform  war  aber  die  Schaffung  eines  weiten  Binnenmarktes,
indem  auf  dem  vergrößerten  Staatsgebiete  die  Accisc  und  die  Binnenzölle  beseitigt  und
so  einerseits  die  innere  Konftirrenz  als  bestes  Belebungsmittel  der  Industrie  an  die
            
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