Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

414  Fünfter  Teil.  Verkehrswesen.  I.  Zur  Geschichte  des  Verkehrswesens.

boten,  vorzogen.  Preisermäßigungen,  welche  die  großen  Gesellschaften  für  einzelne
Strecken  versuchten,  hatten  nicht  den  gewünschten  Erfolg  und  selbst  die  bedeutende,
durchgreifende  Tarifermäßigung,  zu  der  sich  die  Köln—Düsseldorfer  Direktion  in
Rücksicht  auf  die  Konkurrenz  des  rheinischen  Eisenbahnnetzes  entschloß,  brachte  nur
vorübergehende  Besserung.
Erst  in  dem  letzten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  gelang  es  den  mächtig  aufstrebenden ­
  kommerziellen  und  iitdustriellen  Kräften,  die  sich  in  der  Rheinschissahrt
betätigten,  auch  gegenüber  den  Schienenwegen  die  gebührende  Achtung  zu  erringen,
nachdem  man  schon  eine  Zeitlang  die  Rolle  der  Binnenwasserstraßen  für  ausgespielt  hielt.
Was  die  Jahre  nach  1868*)  dem  Rheinverkehr  brachten,  kann  hier  nur  kurz
gestreift  werden.  Nicht  alle  Interessenten  waren  auf  die  Dauer  von  den  Erfolgen  der
Eisenbahnen  und  ihrer  Verstaatlichung  befriedigt,  seitdem  die  gesetzgeberische  Konttolle
über  das  Tarifwesen,  die  man  von  letzterer  erhofft  hatte,  sich  als  ttügerisch  erwies.
Viele,  die  mit  der  behördlichen  Handhabung  des  Eisenbahnmonopols  nicht  einverstanden
waren,  sahen  mit  Freude,  daß  es  in  der  Binnenschiffahrt  Frachtsätze  gibt,  die  von  den
Eisenbahnverwaltungen  unabhängig  bleiben.  Welch'  ungeheuren  Aufschwung  der
Verkehr  auf  den  Binnenwasserstraßen  unter  diesen  Verhältnissen  seit  1875  nahm,
haben  die  Zahlen  Symphers  nachgewiesen,  die  derzeit  noch  keine  Widerlegung
gefunden  haben.  Der  Rhein  ist  an  diesem  Zuwachs  in  erster  Linie  beteiligt.  Während
der  Verkehr  in  den  rheinischen  Läsen  nach  den  Jahresberichten  der  Zenttalkommission
für  die  Rheinschiffahrt  im  Jahre  1870  erst  4489  000  t  betrug,  ist  derselbe  1880  auf
9276000  t  und  1896  bereits  auf  30252000  t  gewachsen,  wovon  20  851000  t  auf
den  Verkehr  der  deutschen  Läsen  untereinander  und  9  401  000  t  auf  den  Verkehr  der
deutschen  mit  den  niederländischen  und  belgischen  Läsen  entfallen.  Von  allen  Punkten,
an  denen  gegenwärtig  die  größten  Gewichtsmengen  zu  Wasser  ankommen  und  abgehen,
stehen  die  drei  Rheinruhrhäfen  Ruhrort,  Duisburg,  Lochfeld  obenan,  die  selbst  in  den:
ungünstigen  Jahre  1895  insgesamt  1965  090  t  (hauptsächlich  Eisenerz,  Getteide,
Lolz)  zu  Wasser  empfingen  und  5451000  t  (vornehmlich  Kohlen,  Koks,  verarbeitetes
Eisen)  zu  Wasser  versandten.**)
Die  Leistungsfähigkeit  des  Rheins  im  Zeitalter  der  Eisenbahnen  abzustreiten,  ist
angesichts  dieser  Tatsachen  schlechterdings  unmöglich.  Die  bedeutende  Zunahme  der
Transportmengen  auf  ihm,  die  in  ähnlicher  Weise  andere  Binnenwasserstraßen  zeigen,
ist  um  so  bemerkenswerter,  als  sie  mit  einer  gleichzeitigen  beträchtlichen  Steigerung  des
Eisenbahnverkehrs  zusammenfällt  und  sie  nicht  so  sehr  trotz,  als  vielmehr  im  Verein
mit  der  Entwicklung  der  letzteren  ihre  Löhe  erreichte.  Beide  Verkehrsmittel  werden
immer  mehr  auf  ihre  Wechselwirkung  angewiesen.  Bei  dem  gesteigerten  Bedürfnis
nach  Fortbewegung  von  Gütern  geben  die  Eisenbahnen  den  Wasserstraßen  manche
Güter  wieder  ab,  während  umgekehrt  diese  jenen  große  Frachtmengen  zuführen,  wie  dies
in  dem  bedeutenden  Amschlagsverkehr  vieler  Rheinhäfen  auch  äußerlich  ersichtlich  wird.

*)  Pie  von  Baden,  Bayern,  Frankreich,  Dessen,  Holland  und  Preußen  vereinbarte  „Revidierte ­
  Rheinschiffahrtsakte"  vom  (7.  Oktober  1868  (in  Kraft  seit  dem  l.  Juli  (segj  erklärt  die
völlige  Freiheit  der  Schiffahrt  auf  dem  Rhein  und  seinen  Ausflüssen  von  Basel  bis  in  das
offene  Meer  hinein  für  Fahrzeuge  aller  Nationen  zum  Transport  von  lvaren  und  Personen,
sofern  sie  die  Vertragsbestimmungen  und  den  zur  Aufrechterhaltung  der  allgemeinen  Sicherheit
erforderlichen  Polizeivorschriften  Genüge  leisten.  Eckert  a.  a.  V.  S.  55-t  f.  —  G.  M.
**)  Per  Verkehr  in  den  Ruhrhäfen  —  im  weiteren  Sinne  —  betrug  im  Jahre  lyoö
wbsoorzt.  Arnold  woltmann,  Per  Verkehr  in  den  Ruhrhäfen  und  die  Entwickelung  der
Rheinschiffabrt  im  Jahre  tstOZ.  In:  Zeitschrift  für  Binnenschiffahrt.  Herausgegeben  vom  Zentralverein ­
  für  Hebung  der  Peutschen  Fluß-  und  Kanalschiffahrt.  XI.  Jahrgang.  Berlin,  Hermann
Paetel,  *90*.  S.  525.  —  G.  M.
            
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