Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Fünfter  Teil.  Verkehrswesen.  II.  Postwesen.

3.  Die  Preußische  Post  in  der  Napoleonischen  Zeit.
Von  Heinrich  v.  Stephan.
Stephan,  Geschichte  der  preußischen  post  von  ihrem  Ursprünge  bis  aus  die  Gegenwart.
Berlin,  Verlag  der  Königlichen  Geheimen  Bber-Bofbuchdruckerei  (R.  Decker),  $59.  5.  575  ff.
Bei  der  Störung  der  inneren  und  der  Umwälzung  der  äußeren  Staatsverhältnisse
in  der  Napoleonischen  Zeit  hatte,  wie  Hardenberg  schreibt,  unter  allen  Staatsanstalten
das  Postwcsen  mit  am  meisten  gelitten.  Der  ganze  Zusammenhang  der  Postverbindungen, ­
  welcher  sich  auf  der  Grundlage  der  historischen  Staatsterritorienbildung  und
der  eigentümlichen  Entwickelung  der  internattonalen  Verkehrsbeziehungen  ini  Laufe  der
Zeit  gebildet  hatte,  war  schonungslos  zerrissen  worden.  Unnatürliche  Verbindungen,
den  Interessen  des  Volkes  ftemd  und  lediglich  den  selbstsüchttgen  Zwecken  seiner  Unterdrücker ­
  dienend,  waren  an  dessen  Stelle  getreten.  Deutschland  war  mit  einer  Anzahl
von  Territorial-Posttnstttuten  überschwemmt  worden,  bei  denen  in  Verwaltung  und
Betrieb,  in  Spedition  und  Taxe,  in  Sprache  und  Gesetzgebung  die  größte  Verschiedenheit
herrschte.  Die  vielen  blutigen  Kriege  hatten  den  Verkehr  gelähmt,  die  Bande  der
Ordnung  und  Disziplin  erschüttert,  die  Straßen  verwüstet,  die  Sicherheit  der  Posten
gefährdet  und  das  Postfuhrwesen  auf  vielen  Routen  fast  gänzlich  ruiniert.  In
Preußen  hatte  besonders  nach  dem  Tilsiter  Frieden  der  übermütige  und  treulose  Sieger
durch  eine  Bedrückung  ohnegleichen  die  weitere  Entwickelung  auch  dieses  Staatsinstttutes
  gelähmt  und  seine  Kräfte  fast  gebrochen.  Aber  wie  sah  es  erst  in  den
Ländern  jenseits  der  Elbe  aus,  wo  die  Fremdlinge  einige  Jahre  das  Scepter  der
Herrschaft  ausschließlich  geführt  hatten!  Anerschwingliche  Taxen  hatten  den  Postverkehr
völlig  darnieder  gedrückt  und  Defraudationen  aller  Art  im  Volksbewußtscin  förmlich
legittmiert,  die  Einnahmen  waren  bei  weitem  unter  die  Hälfte  gesunken,  die  Fahrposten ­
  infolge  einer  für  die  deutschen  Verhältnisse  gar  nicht  passenden  Postgesetzgebung
gänzlich  zerrüttet  und  vernachlässigt,  die  Verbindungen  mangelhaft,  die  postalischen
Beziehungen  mit  den  Nachbarstaaten  (namentlich  zwischen  Westfalen  und  Berg)  in
unglaublicher  Verwirrung,  die  Beamten  —  zum  Teil  französische  Abenteurer  —
unmoralisch  und  untüchtig  oder,  sofern  es  Deutsche  waren,  unzufrieden  und  ihrem
Berufe  unter  solcher  Regierung  abgeneigt.  Dabei  im  Publikum  nicht  allein  kein  Vertrauen, ­
  sondem  ein  allgemeines  tiefbegründetes  Mißtrauen  gegen  die  Postanstalt,  deren
schamlose  Verletzungen  des  Briefgeheimnisses  den  deutschen  Geist  empörte!
Das  waren  die  Zustände,  welche  die  folgende  Zeit  vorfand.  Wahrlich,  ihre
Aufgabe  war  nicht  klein.  Aber  die  neu  angebrochene  Ära  bot  auch  mächtige  Hilfsmittel ­
  zu  deren  erfolgreicher  Lösung  dar.
Die  Freiheit  des  Gedankens  und  des  Verkehrs,  die  großen  Erfindungen  und
Verbesserungen  unserer  mechanischen  Hilfsmittel,  die  Macht  der  Assoziation  und  des
Kredits,  die  allseitige  Entwickelung  der  materiellen  und  intellektuellen  Elemente  der
Gesellschaft,  die  lebensvolle  Tätigkeit  einer  auf  der  Höhe  der  Zeit  stehenden  Staatsverwaltung, ­
  endlich  die  Annäherung  der  Nationen  und  die  liberale  Auffassung  der
völkerrechtlichen  Verhältnisse  bewirkten,  daß  das  Posttnstitut  sich  aus  feinem  Verfall
bald  emporraffte  und  in  der  neuesten  Zeit  rücksichtlich  der  Vervollkommnung  seiner
inneren  und  äußeren  Beziehungen  Fortschritte  machte,  die  die  vollkommensten  Resultate
aller  früheren  Epochen  bei  weitem  überflügeln.
            
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