434 Fünfter Teil. Verkehrswesen. III. Eisenbahnwesen.
es gab eine preußische, bayerische, hessische Eisenbahnpolitik; ja die thüringischen Staaten
behandelten die wenigen sic damals schon berührenden Linien nach abweichenden
Grundsätzen.
Nun hatte sich spätestens schon nach 1866 und 1870 gezeigt, daß diese Ver
hältnisse unter keinen Amständen zu halten waren; immer stärker und zahlreicher erschollen
Beschtverden der wirtschaftlichen Kreise, der Anternehmer wie auch der Landwirte, ins
besondere über Anübersichtlichkeit, Lärten und unbegreifliche Differenzierungen der
Tarife; immer grimmiger erörterte die öffentliche Meinung Mißbräuche, die angeblich
bei der Verleihung von Baurechten vorgekommen seien: und der lange auf die Probe
gestellte Geduldsfaden der Naüon riß endlich angesichts der Eindrücke der Gründerzeit
(1871—1873). Darauf wurde, vornehmlich gegen die Willkür der Verwaltungen im
Tarifwesen, im Jahre 1873 als eine oberste Aufsichts- und Beschwerdestelle das Reichs
eisenbahnamt begründet: schon begann sich die unitarische Behandlung der wichtigsten
Verkehrswege in einer Institution niederzuschlagen. Aber dies Amt sollte auch ein
allgemeines deutsches Eisenbahngcsetz und einen allgemeinen deutschen Gütertarif -
letzteren zunächst als wichtigste Forderung des aufstrebenden Wirtschaftslebens — aus
arbeiten ! Allein bald zeigte sich: das Amt kam nicht vorwärts; seine Wirksamkeit blieb
zum großen Teile auf dem Papiere, und namentlich die Staatsbahnsysteme, welche
einzelne Bundesstaaten schon besaßen, leisteten ihm passiven Widerstand.
Diese Lage brachte den Fürsten Bismarck schon im Jahre 1875 auf den Gedanke»,
den unwürdigen Zuständen durch Erwerbung aller Eisenbahnen für das Reich mit
einem Schlage ein Ende zu machen. And um die Durchführung dieses Planes zu
ermöglichen, beschloß er, zunächst den Übergang der preußischen Bahnen an das Reich
vorzubereiten. Die Preußische Regierung ließ sich durch ein Gesetz vom Juni 1876
ermächtigen, ihren freilich damals nicht besonders großen Staatsbahnbesitz dem Reiche
zum Kaufe anzubieten. Es war eine ungeheure, ins gewaltigste gedachte Maßregel;
sie regte die Nation in ihren Tiefen auf, — auch die Anternehmerkreise, die hier dem
großen Staatsmann zumeist nicht folgten: denn tvie viele ihrer eigensten Interessen
wurden nicht durch die drohende Aufhebung der Privatbahnen berührt! Wenn aber
der Fürst seinen Plan schließlich, trotz des günstigen Votums des Preußischen Landtags,
nicht tveiter verfolgte, so waren hierfür nicht die Widerstände in gewissen wirtschaftlichen
Kreisen, sondern politische Eindrücke maßgebend. In den mittleren und kleinen Bundes
staaten hatte der Reichseisenbahngedanke die Regierten wie namentlich die Regierungen
aufs heftigste erregt: sie fürchteten für ihre Selbständigkeit. So hatte der Minister
v. Friesen in Dresden erklärt, Sachsen werde seine Stimme sogar gegen den Äbergang
der preußischen Bahnen an das Reich abgeben; in Bayern hatte man die Reservat
rechte als durch den Reichseisenbahnplan verletzt betrachtet; und in Stuttgart hatte
der Minister v. Mittnacht das Ganze offen sogar als Absicht einer Änderung der
Reichsverfassung bezeichnet, der Württemberg niemals zustimmen werde und könne.
Gegenüber diesem einmüügen Widerstand blieb Bismarck nichts übrig, als auf
das Reichseisenbahnprojekt zu verzichten. Die Einzelstaaten gingen aber noch weiter.
Am sich vor der Wiederkehr des Planes ein für allemal, wie sie meinten, zu sichern,
nahmen sie die Verstaatlichung der Bahnen in ihren Territorien vor. Bayern hatte
schon 1875 die 770 Kilometer der Ostbahnen in seinen rechtsrheinischen Landen gekauft,
während die Pfälzer Bahnen noch im Privatbesitze blieben; Sachsen kaufte 1876 die
Leipzig-Dresdener Linie; in Württemberg galt schon das Prinzip der Staatsbahnen.
Wie aber, wenn nun dieser Gedanke der bundesstaatlichen Bahnnetze auch in
Preußen aufgenommen wurde? Mußte dann nicht das preußische Staatsbahnnetz sich
so ausweiten, daß es den ganzen norddeutschen Verkehr und in Verbindung mit den
Reichseiscnbahnen in Elsaß-Lothringen auch noch einen guten Teil des mittel- und
süddeutschen in seine Herrschaft bekam? Dem Reichskanzler entging diese eigenartige