Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7.  Die  St.  Gotthardbahn.

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Die  weitere  Entwickelung  wird  wohl  nicht  zum  mindesten  durch  die  Finanzlage
der  süddeutschen  Staaten  und  durch  den  Amstand  mitbestimmt  werden,  ob  es  Preußen
gelingt,  im  Süden  besondere  Sympathien  zu  gewinnen.  Käme  es  einmal  zu  einer
Ausdehnung  der  preußisch-hessischen  Gemeinschaft  auf  ganz  Deutschland,  so  wäre
übrigens  keineswegs  derselbe  Erfolg  wie  beim  Reichseisenbahnprojekt  erreicht.  Wäre
das  Reichsbahnprojckt  verwirklicht,  so  würden  im  Bundesrat  alle  deutschen  Regierungen,
auch  die  des  außerpreußischen  Norddeutschlands,  und  im  Reichstage  Vertreter  des
gesamten  deutschen  Volks,  auch  der  Arbeiterklasse,  der  Verwaltung  gegenüber  Einfluß
üben  können.  Würde  hingegen  die  preußisch-hessische  Eiscnbahngemeinschast  auf  das
übrige  Deutschland  ausgedehnt,  so  würden  die  vereinigten  Verwaltungen  nicht  einer
Vertretung  der  gesamtdeutschen  Interessen,  sondern  einzelnen  Landtagen  verantwortlich
sein.  In  diesem  Falle  würde  infolge  der  Aneinigkeit  der  verschiedenen  Landtage  untereinander ­
  die  Verantwortlichkeit  der  Verwaltungen  weit  weniger  klar  und  wirksam  als
bei  Durchführung  des  Reichseisenbahnprojekts  geregelt  sein.  Die  hanseaüschen  und  die
thüringischen  Regierungen  und  Antertanen  vollends  wären  viel  schlechter  als  bei
Verstaatlichung  aller  Bahnen  durch  das  Reich  gestellt.  Die  Bahnrente  fiele  nur  den
größeren  Staaten  zu,  obivohl  auch  ein  Teil  der  Äberschüsse  im  thüringischen  und
hanseatischen  Verkehre  mitverdient  wird.  Ein  Einfluß  auf  den  Gang  der  Eisenbahnpolitik
  stände  nach  wie  vor  diesen  Gebieten  nicht  zu,  obwohl  sie  durch  diese  Politik
mitbetroffen  werden.

7.  Die  St.  Gotthardbahn.
Von  Heinrich  Rüegg.
Rüegg,  Die  Wirkungen  der  St.  Gotthardbahn.  In:  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  verwaltung
  und  Volkswirtschaft  iin  Deutschen  Reich.  15.  Jahrgang,  kerausgegeben  von  Schmoller.
4.  bjeft.  Leipzig,  Duncker  &  ßumblot,  (8y(.  S.  (80—182.
Im  wirtschaftlichen  Verkehre  der  Völker  Europas  hat  der  massive  langgestreckte
Grenzwall  der  Alpen  durch  Jahrhunderte  hindurch  den  Güterumlauf  zuin  einen  Teil
ganz  verhindert,  zum  andern  Teil  in  kostspielige  und  zeitraubende  Bahnen  gezwängt.
Am  auf  der  denkbar  kürzesten  Linie  vom  cisalpinen  Europa  aus  nicht  nur  Italien,
sondern  überhaupt  das  Mittelmeer  zu  erreichen,  galt  es,  diesen  Grenzwall  an  möglichst
vielen  Punkten  zu  durchstechen,  bezw.  die  Stellen  tiefer  Einsenkung  des  Gebirges  zu
ttberschienen.  Ersteres  ist  geschehen  beim  Mont  Cenis,  letzteres  bei  Semmering  und
Brenner.  Der  Mont  Cenis  miindet  nach  dem  Westen  und  Südwesten  Europas,  der
Semmering  nach  dem  Osten  und  Nordosten,  der  Brenner  desgleichen  in  der  Hauptsache
nach  nordöstlichein  und  nur  zum  Teil  nach  dem  zentralnördlichen  Gebiete  Europas.  Es
entbehrten  das  eigentliche  Zentruni  und  der  ausgedehnte  Nordwesten  Europas  bis  vor
kurzem  einer  direkten  Zufahrtslinie  nach  Italien  und  dem  Mittelmeer.  Die  heute  fertige
Gotthardbahn  füllt  die  Lücke  aus,  welche  bisher  zwischen  Mont  Cenis  und  Brenner
exisüerte;  sie  ist  die  vierte  in  der  Reihe  jener  großen  und  wichtigen  Zufahrtslinien
aus  dem  Innern  Europas  nach  Italien  und  dem  Mittelmeer.
Ist  die  Aufgabe  der  Gotthardbahn  damit  im  allgemeinen  gekennzeichnet,  so  ergibt
sich  als  ihre  Aufgabe  im  einzelnen  ein  dreifaches:
1.  ist  die  Gotthardbahn  eine  Bahn  im  Dienste  des  großen  Weltverkehrs;
2.  vermittelt  sie  den  italienisch-nordeuropäischen  bezw.  cisalpinen  .Handel;
3.  dient  sie  dem  internen  oder  Lokalverkehr.
            
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