Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

B  i  K  509-7  2.46.
8.  Die  sibirische  Eisenbahn.  439
8.  Die  sibirische  Eisenbahn.
Von  Eugen  Zabel.
Zabel,  Auf  der  sibirischen  Bah»  »ach  Lhina.  2.  Ausl.  Berli»,  Allgenreiner  verein  für
Deutsche  Literatur,  190*.  5.  269—265  und  5.  273—  278.
Der  Vau  der  sibirischen  Bahn  bedeutet  nicht  nur  eine  Errungenschaft  für  den
Weltverkehr  von  außerordentlicher  Tragweite,  sondern  auch  den  Beginn  einer  neuen
Epoche  für  die  Erforschung  des  gesamten  Ländergcbiets  im  nördlichen  Asien,  das  zu
Rußland  gehört  und  fast  anderthalbinal  größer  als  Europa,  fünfundzwanzigmal  größer
als  Deutschland  ist.  Von  der  Zeit  an,  als  die  ersten  Kosakenscharen  vom  Westen
über  den  Aral  drangeit,  ist  Sibirien  von  Kaufleuten  und  Anternehmer»  aller  Art,  von
Offizieren,  Beamten  und  Ingenieuren,  von  Reisenden,  die  durch  die  Idee  des  Neuen
und  Abenteuerlichen  angezogen  wurden,  sowie  von  gelehrten  Männern,  welche  die
Ergebnisse  ihrer  Studien  der  Welt  mitteilen  wollten,  nach  den  verschiedensten  Richtungen
durchzogen  worden.  Aber  erst  zu  Anfang  der  neunziger  Jahre,  als  man  mit  der
Schiencnlcgung  bei  der  Assuribahn  im  äußersten  Osten  begann,  entwickelte  sich  ein
bestimmtes  System,  nach  dem  man  an  die  Antcrsuchung  des  Bodens  für  die  Zwecke  der
Landwirtschaft  und  des  Bergbaues,  die  Erforschung  des  Klimas  unter  den  verschiedenen
Breitegraden  und  der  mächtigen  Stromgebiete  ging,  deren  genaue  Kenntnis  damals
noch  manches  zu  wünschen  ließ.  Erst  durch  die  Anlage  der  neuen  Verkehrsstraße  wurde
man  gezwungen,  genaue  Vermessungen  vorzunehmen  und  in  das  Innere  der  Arwälder
einzudringen,  sowie  sich  eine  zuverlässige  Kenntnis  des  Landes  und  seiner  Bevölkerung
zu  verschaffen.
Der  Bau  der  Schienenstraße  hat  schon  in  den  Anfängen  eine  mächtige  Bewegung
vom  Westen  nach  dem  Osten  veranlaßt.  In  den  Jahren  1893  und  1894  betrug  die
Zahl  der  Auswanderer  nach  Sibirien  je  65000.  Dann  folgte  im  Jahre  1895  eine
plötzliche  Steigerung  auf  120000,  im  Jahre  1896  auf  über  200000  Personen.  Aber
die  Bevölkerung  im  Innern  des  europäischen  Rußlands  schien  ein  Fieber  gekommen
zu  sein,  das  man  durch  Warnungen  mit  Erfolg  abstellte,  denn  im  nächsten  Jahr  1897
schnürten  nur  70000  ihr  Bündel.  Diese  Stockung,  die  durch  Regierungsmaßrcgeln
gcivaltsam  hervorgerufen  wurde,  hielt  jedoch  nicht  an.  Die  Flut  der  Menschen,  die
nach  Sibirien  zogen,  schwoll  sowohl  1898  wie  1899  und  1900  wieder  auf  über
200000  Menschen  fürs  Jahr  an,  blieb  aber  1901  hinter  130000  zurück.  Seit  1882
waren  bis  dahin  im  ganzen  1500000  Menschen  über  den  Aral  in  fremdes  Land  ausgewandert, ­
  und  es  bedurfte  keiner  geringen  Fürsorge,  diesen  gewaltigen  Strom  in  die
richtigen  Bahnen  zu  lenken  und  das  Land  durch  die  beginnende  Kulturarbeit  zweckmäßig ­
  befruchten  zu  lassen.  Immer  wieder  war  es  die  Eisenbahn,  die  den  Gedanken
einer  solchen  Volksbewegung  aus  dem  Phantastischen  ins  Wirkliche  übertrug  und  ihm
einen  praktisch  bedeutsamen  Sinn  unterlegte.
Die  Ausfuhr  von  Getreide,  Erzeugnissen  der  Viehzucht  und  Butter  wird  durch
den  Betrieb  der  sibirischen  Bahn  naturgemäß  wesentlich  erleichtert  werden.  Noch
bedeutsamer  erscheint  der  Goldreichtum,  der  sich  in  allen  Teilen  des  Landes  findet.
„Dieser  ist  es  ganz  wesentlich",  heißt  es  bei  Wiedenfeld,  „der  dem  Zarenreich  es
ermöglicht  hat,  schon  in  einem  so  frühen  Stadium  seiner  Wirtschaftsentwicklung  zur
Goldwährung,  die  sonst  nur  industriell  weit  vorgeschrittene  Länder  aufrecht  erhalten
können,  überzugehen  und  in  den  letzten  drei  Jahrzehnten  fast  ebensoviel  Gold  auszuprägen ­
  wie  Deutschland,  das  in  dieser  Zeit  einen  unvergleichlichen  Aufschwung  genommen
hat.  Zwar  wird  auch  noch  in  anderen  Teilen  des  russischen  Reichs,  in  Finland  und
am  Aral  Gold  gefunden;  aber  Sibiriens  Produktion  steht  bei  weitem  an  der  Spitze,
            
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