Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

440  Fünfter  Teil.  Verkehrswesen.  III.  Eisenbahnwesen.
reichlich  23°/o  der  Gesamterzeugnisse  betragend".  Wenn  auch  gerade  die  ergiebigsten
Fundstellen  und  Wäschereien  an  den  Nebenflüssen  der  Lena  und  des  Amur  Hunderte
Kilometer  von  der  Bahn  entfernt  liegen,  so  ist  diese  doch  schon  wegen  der  Verkürzung,
Verbilligung  und  Sicherung  der  Zufuhr  von  Maschinen  und  Lebensmitteln  von
wesentlicher  Bedeutung.  Dasselbe  gilt  von  Eisen  und  Eisenwaren  sowie  von  der  Ausnutzung ­
  der  Steinkohlenlager.
Große  Hoffnungen  setzt  man  in  Rußland  darauf,  daß  der  Tee,  von  dem  der
größte  Teil  bisher  auf  dem  Seeweg  nach  Europa  ausgeführt  wurde,  von  nun  an  auf
dem  Schienenwege  dorthin  gelangen  müsse.  Von  Lanka::,  bis  wohin  die  Seeschiffahrt
auf  dem  Vantsekiang  reicht,  gingen  früher  Karawanen  über  Kiachta  nach  Irkutsk,  von
wo  der  Tee  auf  Schlitten  oder  auf  den  sibirischen  Flüssen  nach  Europa  geschafft  wurde.
Dann  übernahm  der  gewaltige  Strom  Chinas  die  Beförderung  der  Teemassen,  und
über  Schanghai  erfolgte  auf  dem  Schiffswege  die  weitaus  größte  Ausfuhr  über  der»
Stillen  und  Indischen  Ozean,  sowie  durch  den  Suezkanal  nach  London,  um  sich  von
hier  aus  über  alle  Teile  Europas,  zum  Teil  sogar  über  Königsberg  nach  Rußland  auszubreiten. ­

Jetzt  sind  es  nach  Wiedenfeld  nur  noch  sehr  geringe  Mengen  des  in  Europa
begehrten  Blättertees,  die  über  Kiachta  kommen,  und  es  ist  ein  Märchen,  wenn  noch
fast  allgemein  angenommen  wird,  der  Karawanentee  gelange  auf  dem  teuren  und  langwierigen ­
  Landwege  zu  uns.  Die  Bezeichnung  hat  mit  der  Beförderungsart  jetzt  nichts
mehr  zu  schaffen.  Der  höhere  Preis  rechtfertigt  sich  vielmehr  damit,  daß  es  jetzt,  wie
auch  früher,  der  Tee  der  ersten  von  den  drei  bis  vier  Iahresernten  ist,  der  unter
diesem  Namen  in  den  Lande!  gebracht  wird  und  sich  an  Güte  von  der  Produktion
der  späteren  Ernte  wesentlich  unterscheidet.  Die  sibirische  Bahn  dürfte  es  fortan
bewirken,  daß  für  den  Teetransport,  bei  dem  die  zarten  Blätter  durch  die  Länge
der  Reise  an  Geschmack  und  Duft  wesentlich  leiden,  wieder  die  alte  Landstraße
bevorzugt  wird.
Die  Vollendung  der  Bahn  durch  die  Mandschurei  hat  schneller,  als  man  es
erwarten  durfte,  eine  für  den  gesamten  Verkehr  wichtige  Entscheidung  zur  Folge  gehabt.
Nachdem  die  Strecke  durch  Europa  lind  Asien  ausgeführt  war,  entstand  ganz  von  selbst
die  Frage,  wann  und  inwieweit  die  Beförderung  von  Postsendungen  vom  Westen
nach  den  Läsen  des  Stillen  Ozeans  bis  nach  Japan  und  China  erfolgen  würde.  Es
war  zunächst  nur  aus  Rußland  gestattet,  den  neuen  Verkehrsweg  für  Briefe  zu
benutzen,  während  die  anderen  europäischen  Länder  für  ihre  Korrespondenz  nach  dem
„fernen  Osten"  aus  den  Seeweg  angewiesen  blieben.  Es  erwies  sich  aber  bald,  daß
man  außerstande  war,  eine  solche  Bestimmung  aufrecht  zu  erhalten,  und  daß  cs  Mittel
und  Wege  gab,  sic  ohne  Mühe  zu  umgehen.  Die  großen  Geschäftshäuser  in  Berlin
und  Wien,  in  Paris  und  London  hatten  das  nach  Einführung  der  durchgehenden  Züge
auch  mit  besten:  Erfolge  sofort  getan.  Sie  schickten  ihre  Briefe  unter  einen:  Deckkuvert
  fertig  adressiert  und  frankiert  an  ihre  Geschäftsfreunde  nach  Petersburg  und
Moskau,  die  sie  dort  einfach  zur  Weiterbeförderung  nach  dem  Osten  in  den  nächsten
Postkasten  warfen.
Die  offiziellen  Verträge  zwischen  den  westeuropäischen  Staaten  und  Rußland
brauchten  jedoch  noch  einige  Zeit  bis  zu  ihrem  vollständigen  Abschluß.  Man  hielt  die
Bahnverbindung  durch  Sibirien  anfänglich  noch  nicht  für  gesichert  genug,  um  ihr  eine
so  gewaltige  Korrespondenz  anzuvertrauen.  Außerdem  hatte  man  wohl  auch  einiges
Mißtrauen  in  die  Wahrung  des  Briefgeheimnisses  durch  die  russischen  Beamten  gesetzt,
wie  sie  bei  uns  beobachtet  wird.  Aber  die  Verständigung  über  diesen  Punkt  erfolgte  in
überraschend  schneller  Zeit,  und  schon  Mitte  September  1903  wurde  eine  amtliche
Bekanntmachung  erlassen,  daß  vom  ersten  Oktober  an  die  sibirische  Post  die  Beförderung
von  Briefen  aus  Europa  für  alle  Länder  im  Osten  übernehme.  Lin  diesem  Tage
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.