2. Das amerikanische Volk bei der Arbeit.
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stühle, solide und fest gebaut, aber billig, weil dasselbe Muster, das im Norden
gebraucht wird, auch im Süden in den Schaufenstern prangt und derselbe steifbeinige
Schaukelstuhl, auf dem der Arbeiter in Kanada seine müden Glieder reckt, auch dem
Negerweibe in den Baumwollstaatcn des Südens zum bequemen Ruhesitz dient.
Alles wird eben in gewaltigen Massen, im Großen produziert, und die Kunst
der Amerikaner, teure menschliche Arbeitskraft zu sparen und die billig und korrekt
arbeitenden eisernen Arme der Maschinen an ihre Stelle zu setzen, ermöglicht es ihnen,
zu sinkenden Preisen die Erzeugnisse ihrer Großindustrien dem kaufenden Publikum
anzubieten.
Doch das alles nur, um Ihnen zu zeigen, daß der Ausspruch, den ich anführte,
wohl berechtigt ist, ins Große gehend und großartig ist alles, was die
Amerikaner betreiben, und sie wissen ganz genau den Vorteil zu schätzen, den sie darin
besitzen, daß sie mit den Erzeugnissen ihrer Großbetriebe auf den Weltmarkt hinaus
treten können.
2. Das amerikanische Volk bei der Arbeit.
> Von Ludwig Max Goldberger.
Goldberger, Das Land der unbegrenzte» Möglichkeiten. Beobachtungen über das kvirt-
schaftsleben der vereinigten Staaten von Amerika. Berlin und Leipzig, F. Fontane & Lo., {903.
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Eilte Art Arbeitsfanatismus beherrscht die Gemüter. Die Arbeit ist in den
Industriezentren so intensiv, daß sie kaum eine andere Erholung als deir Schlaf zuläßt,
und deshalb find, wenn man von den großen Städten absieht, die Einrichtungen für
weltliche Vergnügungen überaus sparsam. Wo es dem Geschäft gilt, wo man der
erwerblichen, kaufmännischen Tätigkeit nachgeht, selbst an kleineren und entlegenen
Plätzen, findet man Kötels, die mit allem Komfort und mit überraschendem Glanz
eingerichtet sind. Die Erholungsplätze dagegen bieten nur mäßige Unterkunft, schlechte
Wege, mangelhafte Verkehrsmittel. Die Rastlosigkeit schließt die Erholung aus, die
der amerikanische Gewerbetreibende auch gar nicht daheim sucht. Kat er Geld übrig,
will er für kurze Zeit rasten und sich vergnügen, so geht er nach Europa. Im eigenen
Land kennt er kaum etwas anderes als das Geschäft, hat er nur für dieses Sinn, so
zwar, daß sogar von den Wohlhabenden nur wenige die landschaftlichen Schönheiten
der Keimat kennen. Von den Bewohnern des Ostens hat nur ein kleiner Teil das
sonnige Stück Erde des fernen Westens mit seinen Blüten und Blumen, mit seinen
Früchten und Weinbergen, mit feinem milden und reinen Limmel, mit seinen Palmen
und Orangen gesehen. Das erklärt sich keineswegs aus Abneigung gegen die Natur
oder aus besonderer Neigung zur Seßhaftigkeit. Nach dem Westen geht man eben
nur, wenn man im Osten nicht Erfolg gehabt hat, oder wenn man sein Arbeitsgebiet
ausdehnen will. Dann freilich ist man schnell zum Aufbruch entschlossen. Das
Tätigkeitsfeld ist weit, und „unbegrenzte Möglichkeiten" hat man vor sich.
Der Arbeitsfanatismus, von dem ich eben gesprochen habe, beginnt bereits in
jungen Jahren. Jung wie die Industrie des Landes sind auch die Leiter großer Betriebe,
beinahe noch Jünglinge. Anderseits gibt es drüben kaum Männer, die sich als Rentner
zur Ruhe sehen, auch wenn sie Millionen erworben haben. Sie wagen den Gewinn
oder doch einen großen Teil davon immer aufs neue, und so häufen sich im Fall des
Erfolgs die großen Vermögen,*) die übrigens nicht selten von den Besitzern mit
*) s. den Aufsatz von Julius lvolf „Zur Entstehung großer vermögen" S. $68—