Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5.  Zur  Entstehung  großer  Vermögen.

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vertraut  ist,  der  eventuelle  Gewinn  „etwas"  vom  Glücksgewinn.  Aber  nie  sind  diejenigen, ­
  die  derart  wirklich  nur  ihr  „Glück"  versuchten,  an  der  Börse  zu  Reichtümern
gekommen.  Was  ihnen  der  eine  Tag  gebracht  hatte  nahm  ihnen  der  andere.  Dies  ist
wenigstens  die  Regel;  sie  hat,  wie  am  Spieltisch,  ihre  vereinzelten  Ausnahmen:  hin  und
wieder  hat  ein  kühner  Wäger,  völlig  vom  Zufall  getragen,  ein  Vermögen  von  einigen
Lunderttausenden  zusarnmengerafft  und  es  sich  erhalten.  Letzteres  bloß,  wenn  er  sich
rasch  vom  Schauplätze  seiner  Tätigkeit  zurückzog  oder,  was  wahrscheinlicher,  auf  Grund
seiner  nunmehrigen  Mittel  in  die  Lage  kam,  mit  geringerem  Risiko,  auf  zuverlässigerer
Basis  sich  am  sogenannten  Spiele  zu  beteiligen.
Aber  auch  die  eigentliche  Konjunktur,  d.  h.  das  divinatorischc  Erkennen  einer
herannahenden  günstigen  Preisstellung  ist  die  reguläre  Quelle  mindestens  der  Kolossalvermögen ­
  an  der  Börse  nicht  gewesen,  sondern  es  war  entweder  eine  Aktion,  die  den
Tatbestand  des  Wuchers  nach  moderner  Auffassung  in  sich  trägt,  oder  die  Berichtigung
des  Kurses  mit  den  Mitteln,  sie  durchzusetzen.  Die  Linie  der  Operationen,  um  die
es  sich  an  der  Börse  bei  Bildung  von  Groß-  und  Kolossalvermögen  handelt,  geht  also
an  dem  einen  Ende  noch  in  das  Gebiet  der  Wohlanständigkeit  hinein,  an  dem  andern
vollzieht  sie  sich  in  Formen,  die  in  anderer,  nicht  „börsenmäßiger"  Anwendung  bereits
als  rechtlich  anstößig  erklärt  sind.  An  diesem  Ende  spielt  auch  rechtlich  unverantwortlicher
Vertrauensmißbrauch  eine  Rolle.  Wenn  wir  beispielsweise  hören,  —  von  Struck  in
seinem  Buche  über  die  Effektenbörse  —  daß  von  15  350  Millionen  Franken,  in  welchem
Betrage  von  Anfang  der  zwanziger  Jahre  bis  in  die  Mitte  der  siebziger  Staatsanleihen
auf  dem  Londoner  Markte  aufgelegt  und  gezeichnet  worden  sind,  rund  4  Milliarden
infolge  Bankerotts  der  betreffenden  Staaten  nichtig  wurden,  während  auf  weitere  4380
Millionen  die  Verpflichtungen  nur  unvollständig  eingehalten  worden  sind,  so  leidet  es
nicht  den  geringsten  Zweifel,  daß  hier  in  vielen  Fällen  seitens  des  die  Titel  auflegenden
Bankhauses  mit  grober  Leichtfertigkeit  vorgegangen,  ja  häufig  genug  die  Prüfung  der
Verhältnisse  des  Darlehnswerbers  völlig  versäumt  oder  nur  scheinbar  vorgenommen  und
hin  und  wieder  direkt  Dupierung  des  Publikums  beabsichtigt  gewesen  ist.  Allerdings
waren  es  nicht  die  Bankhäuser  allein,  sondern  auch  die  ihre  Vermittlung  suchenden
Staaten,  die  der  Selbsttäuschung  des  vertrauensseligen  Publikums  Vorschub  leisteten
oder  die  Täuschung  direkt  in  Scene  setzten.  Das  Ehrgefühl  der  Staaten,  selbst  mitteleuropäischer, ­
  zeigt  sich  hier  öfter  merkwürdig  zurückgeblieben.  Der  Tatsache,  daß  Losanleihen ­
  eine  Zeit  lang  sehr  begünstigt  waren  und  sich  als  besonders  vorteilhaft  für
Staaten  und  Verinittler  erwiesen,  lag  die  Beobachtung  zugrunde,  daß  das  Publikum
den  Wert  der  Gewinnchance  in  der  Regel  weit  überschätzt,  wie  es  überhaupt  nicht  in
der  Lage  ist,  denselben  rechnerisch  festzustellen,  da  ihm  die  Kenntnis  der  Wahrscheinlichkeitsrechnung ­
  und  der  politischen  Arithmetik  fehlt.  Wenn  Losanleihen  in  letzter
Zeit  in  sehr  kleinen  Stückbeträgen  erfolgten,  so  liegt  die  Erklärung  darin,  daß  die
wohlhabenden  Klassen  für  den  Losankauf  nicht  mehr  in  gleichem  Maße  wie  früher  zu
haben  sind.  Man  ist  an  die  Ersparnisse  der  eigentlichen  Volksmassen  angewiesen.
Diese  aber  suchen  Lose  in  kleinen  „Appoints".
Erwähnung  fordern  hier  auch  die  sogenannten  Gründergewinne,  die  in  den  mit
dem  Namen  des  „volkswirtschaftlichen  Aufschwungs"  belegten  Zeiten  des  wirtschaftlichen
Sinnentaumels  von  Personen,  die  verschieden  hoch  in  der  gesellschaftlichen  Hierarchie
standen,  häufig  nicht  nur  ohne  jede  produktive  Gegenleistung,  sondern  als  Beteiligung
an  dem  Geschäft  der  Irreführung  des  Publikums  meist  sind  kleinere  Kapitalisten,
eigentliche  Sparer  und  Geschäftsleute  die  Opfer  —  realisiert  worden  sind.  Von  hier
führt  dann  der  Weg  zu  den  durch  Vergewaltigung  von  Börsengenossen,  wo  sich  den.
Schlauen  ein  Schlauerer  gewachsen  zeigt,  gebildeten  Vermögen.
Typisch  für  diesen  Spezialfall  ist  die  Geschichte  des  heute  vielleicht  größten
Reichtums  dieser  Welt,  jenes  des  amerikanischen  Börsenmannes  und  Eisenbahnkönigs
            
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