Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5.  Zur  Entstehung  großer  Vermögen.

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2n  dieser  Weise  ging  es  beispielsweise  in  der  vorerwähnten  Börsenpanik  von:
November  1890  zu.  Sie  spielte  sich  nach  Zeitungsberichten,  wie  folgt,  ab:  Der  Erlaß
der  Mac  Kinley-Silbcrbill  hatte  in  Amerika  die  verwegensten  Hoffnungen  geweckt.
Man  erwartete  einen  „volkswirtschaftlichen  Aufschwung",  die  Kurse  stiegen.  Gould
und  Konsorten  nährten  diese  Anschauung.  Als  mit  ihrer  allerdings  nicht  aktiven  Hilfe
die  Kurse  sich  weit  über  das  ihnen  zukommende  Maß  erhoben  hatten,  begann  Gould
gegen  Billard  Aktien  der  Nord  -  Pacificbahn  auszubieten.  Sic  sanken  um  10  Dollars
pro  Stück,  aber  die  von  Billard  beauftragten  Makler  kauften  die  aus  den  Martt
geworfenen  Aktien  aus.  Eine  Zeit  lang  schien  es,  als  ob  Billard  und  Genossen  stark
genug  seien,  der  von  Gould  eingeleiteten  Baissebewegung  standzuhalten.  Aber  als
ein  mit  Gould  verbündetes  Bankhaus  alle  Forderungen  auf  Sicht  einberief  und  selbst
aus  beste  Papiere  keine  Vorschüsse  geben  wollte,  mußten  Decker  Howell  &  Cie.,  die
Makler  Billards,  ihre  Zahlungen  einstellen.  Das  war  der  erste  „Chock",  den  der
Martt  erlitt.  Eine  haltlose  Panik  in  Nord--Eisenbahnpapieren  jeder  Gattung  war  die
nächste  Folge,  und  nun  brachen  neben  jener  Matterfirma  ersten  Ranges  alsbald  auch
andere  angesehene  Häuser,  wie  Whitney  &  Cie.,  David  Richmond,  Narrand  Friend,
zusammen.  Hier  hat  der  Bericht  eine  Lücke.  Es  heißt  nunmehr:  I.  Gould  ttiumphierte
vollständig.  Nach  erfochtenem  Siege  ließ  sich  Gould  interviewen.  Dem  Interviewer
erklärte  er,  er  halte  jetzt  die  Preise  für  niedrig  und  die  Lage  der  Eisenbahnen  für
höchst  günstig.  —  Es  ist  berechnet  worden,  daß  der  durch  jene  Panik  in  amerikanischen
Eisenbahnpapieren  veranlaßte  Wertverlust  sich  insgesamt  aus  125  Millionen  Dollars
belief.  Nun  kamen  selbstverständlich  nicht  alle  Aktien  aus  den  Martt,  und  die
Operationen  hatten  für  die  Veranstalter  ihre  großen  Kosten.  Daß  aber  einige  Dutzend
Millionen  Dollars  von  Gould  und  Konsorten  bei  dieser  Gelegenheit  verdient  worden
sind,  unterliegt  nicht  dem  geringsten  Zweifel.
Die  Frage  ist  nun,  inwiefern  das  von  Gould  in  dieser  Weise  prattizierte  Verfahren ­
  für  überhaupt  an  der  Börse  gewonnene  Vermögen  typisch  ist.  Sind  die  an
der  Börse  gewonnenen  Reichtümer  gemeinhin  gleichen  Schlages  wie  der  Gouldsche,
oder  gehören  sie  einer  anderen  Spezies  an?  Wir  haben  schon,  als  wir  von  den
Reichtumsbildungen  an  der  Börse  zu  sprechen  begannen,  die  Wahrnehmung  verzeichnet,
daß  die  dahier  gemachten  Gewinne  hinsichtlich  ihres  Ranges  aus  der  Stufenleiter  der
Moral  sehr  verschieden  zu  klassifizieren  sind.  Änd  um  dem  darüber  Gesagten  noch
einiges  hinzuzufügen,  so  steht  es  allerdings  fest,  daß  jenes  von  Gould  geübte  und  von
ihm  zu  einer  gewissen  Klassizität  erhobene,  aber  doch  lange  nicht  „erfundene"  Verfahren
auch  in  Europa  manche  Million  in  die  Tasche  größerer  oder  kleinerer  Börsengewalttgen
hat  fließen  lassen.  Daß  der  Betrieb  in  Europa  nicht  mit  gleicher  Offenheit  und
Schamlosigkeit  und  Großartigkeit  erfolgt,  darf  den  Beobachter  nicht  beirren.  Bekannt
sind  jene  Praktiken  diesseits  und  jenseits  des  Ozeans.  Daß  jedoch  aller  an  der  Börse
erworbene  Reichtum  diesen  Weg  gegangen  sei,  läßt  sich  auch  entfernt  nicht  behaupten.
Zweifellos  führen  sich  eine  Anzahl  Vermögen,  welche  die  Etikette  der  Börse  ttagen,
aus  die  richtige  Voraussicht,  die  Unbefangenheit,  das  kalte  Blut,  den  Scharfblick,  die
Schlagsertigkeit,  den  Wagemut  ihrer  Besitzer,  ohne  irgendwelche  Beigaben  zweideutigen
Eharatters,  zurück.
            
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