5. Zur Entstehung großer Vermögen.
471
2n dieser Weise ging es beispielsweise in der vorerwähnten Börsenpanik von:
November 1890 zu. Sie spielte sich nach Zeitungsberichten, wie folgt, ab: Der Erlaß
der Mac Kinley-Silbcrbill hatte in Amerika die verwegensten Hoffnungen geweckt.
Man erwartete einen „volkswirtschaftlichen Aufschwung", die Kurse stiegen. Gould
und Konsorten nährten diese Anschauung. Als mit ihrer allerdings nicht aktiven Hilfe
die Kurse sich weit über das ihnen zukommende Maß erhoben hatten, begann Gould
gegen Billard Aktien der Nord - Pacificbahn auszubieten. Sic sanken um 10 Dollars
pro Stück, aber die von Billard beauftragten Makler kauften die aus den Martt
geworfenen Aktien aus. Eine Zeit lang schien es, als ob Billard und Genossen stark
genug seien, der von Gould eingeleiteten Baissebewegung standzuhalten. Aber als
ein mit Gould verbündetes Bankhaus alle Forderungen auf Sicht einberief und selbst
aus beste Papiere keine Vorschüsse geben wollte, mußten Decker Howell & Cie., die
Makler Billards, ihre Zahlungen einstellen. Das war der erste „Chock", den der
Martt erlitt. Eine haltlose Panik in Nord--Eisenbahnpapieren jeder Gattung war die
nächste Folge, und nun brachen neben jener Matterfirma ersten Ranges alsbald auch
andere angesehene Häuser, wie Whitney & Cie., David Richmond, Narrand Friend,
zusammen. Hier hat der Bericht eine Lücke. Es heißt nunmehr: I. Gould ttiumphierte
vollständig. Nach erfochtenem Siege ließ sich Gould interviewen. Dem Interviewer
erklärte er, er halte jetzt die Preise für niedrig und die Lage der Eisenbahnen für
höchst günstig. — Es ist berechnet worden, daß der durch jene Panik in amerikanischen
Eisenbahnpapieren veranlaßte Wertverlust sich insgesamt aus 125 Millionen Dollars
belief. Nun kamen selbstverständlich nicht alle Aktien aus den Martt, und die
Operationen hatten für die Veranstalter ihre großen Kosten. Daß aber einige Dutzend
Millionen Dollars von Gould und Konsorten bei dieser Gelegenheit verdient worden
sind, unterliegt nicht dem geringsten Zweifel.
Die Frage ist nun, inwiefern das von Gould in dieser Weise prattizierte Ver
fahren für überhaupt an der Börse gewonnene Vermögen typisch ist. Sind die an
der Börse gewonnenen Reichtümer gemeinhin gleichen Schlages wie der Gouldsche,
oder gehören sie einer anderen Spezies an? Wir haben schon, als wir von den
Reichtumsbildungen an der Börse zu sprechen begannen, die Wahrnehmung verzeichnet,
daß die dahier gemachten Gewinne hinsichtlich ihres Ranges aus der Stufenleiter der
Moral sehr verschieden zu klassifizieren sind. Änd um dem darüber Gesagten noch
einiges hinzuzufügen, so steht es allerdings fest, daß jenes von Gould geübte und von
ihm zu einer gewissen Klassizität erhobene, aber doch lange nicht „erfundene" Verfahren
auch in Europa manche Million in die Tasche größerer oder kleinerer Börsengewalttgen
hat fließen lassen. Daß der Betrieb in Europa nicht mit gleicher Offenheit und
Schamlosigkeit und Großartigkeit erfolgt, darf den Beobachter nicht beirren. Bekannt
sind jene Praktiken diesseits und jenseits des Ozeans. Daß jedoch aller an der Börse
erworbene Reichtum diesen Weg gegangen sei, läßt sich auch entfernt nicht behaupten.
Zweifellos führen sich eine Anzahl Vermögen, welche die Etikette der Börse ttagen,
aus die richtige Voraussicht, die Unbefangenheit, das kalte Blut, den Scharfblick, die
Schlagsertigkeit, den Wagemut ihrer Besitzer, ohne irgendwelche Beigaben zweideutigen
Eharatters, zurück.