Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Theorie  und  Praxis  im  kaufmännischen  Bildungswesen.  473
Das  Verhältnis  zwischen  Theorie  und  Praxis  im  kaufmännischen  Bildungswesen
ist  in  den  beiden  Ländern  Amerika  und  Deutschland,  kurz  ausgedrückt,  umgekehrt,  als
man  es  sich  gewöhnlich  vorstellt.  Deutschland,  das  Land  der  Denker  und  der  Träumer,
betreibt  die  Kaufmannslehre  in  erster  Linie  praktisch;  Amerika,  das  Land  der  Praktiker
par  excellence,  muß  in  Ermangelung  einer  praktischen  Kaufmannslehre  überall  zu
rein  theoretischen  Bildungsmitteln  greifen  und  überstürzt  sich  in  der  Erfindung  und
Gründung  immer  neuer  kaufmännischer  Lehranstalten.  In  der  überwiegenden  Mehrheit
der  amerikanischen  Geschäftswelt  dürfte  man  der  theoretischen  Ausbildung  des  Kaufmannsstandes ­
  schon  heute  nicht  eine  geringere,  sondern  eine  ungleich  höhere  Rolle  zuweisen, ­
  als  selbst  die  entschiedensten  Träger  der  deutschen  Pandelshochschulbewcgung  tun.
Inter  den  Antworten,  die  mir  auf  meine  Fragen  zuteil  wurden,  ob  nicht  von
der  akademischen  Ausbildung  der  Kaufleute  nachteilige  Wirkungen  auf  ihre  Neigung
zu  praktischer  Tätigkeit  zu  befürchten  seien,  ist  vielleicht  keine  so  charakteristisch  wie  die,
die  ich  von  dem  Präsidenten  der  Handelskammer  in  Wilmington  N.  C.,  Mr.  3.  A.  Taylor,
erhielt.  Die  Stadt  zeigt  etwa  die  Verhältnisse  einer  kleinen  deutschen  Mittelstadt,  mit
gut  entwickelten  Spezialindustricn  (Baumwollprcsie,  Terpentin  usw.).  Der  Vertreter
der  Handelskammer  machte  den  Vorbehalt,  daß  er  nur  aus  einem  verhältnismäßig
begrenzten  Erfahrungskreis  heraus  urteile,  fuhr  aber  dann  fort:  „Ich  glaube,  auch  wer
über  größere  Erfahrungen  verfügt,  wird  sich  über  diese  Frage  im  Munde  eines  Deutschen
wundern.  Ich  habe,  ich  weiß  im  Augenblick  nicht  wo,  gelesen,  der  ünterschied  zwischen
England  und  Deutschland  sei,  daß  in  England  der  Sohn  Gott  danke,  daß  er  ihm
einen  Vater  gegeben,  in  Deutschland  aber  danke  der  Vater  Gott,  daß  er  ihm  einen
Sohn  gegeben.  Überall  hören  wir,  daß  auf  der  erzieherischen  Tätigkeit  Deutschlands,
aus  der  Fürsorge  für  Bildungsanstalten  aller  Art  die  Überlegenheit  auch  des  deutschen
Kaufmannsstandes  beruhe,  ünd  da  befürchten  Sie  plötzlich,  daß  Sie  von  diesem  Segen,
der  Sie  reich  macht,  zuviel  besitzen  könnten?  Wie  kommen  Sie  auf  solche  Gedanken?
Wir  würden  uns  glücklich  schätzen,  wenn  wir  für  unsere  jungen  Kaufleute  nur  recht
viele,  recht  hohe  und  immer  höhere  Bildungsanstalten  errichten  könnten."
Nun  ist  allerdings  die  Behauptung,  daß  Amerika  die  Kaufmannslchre  nicht
kenne,  trotz  der  Sicherheit,  mit  der  sie  mir  überall  entgegengehalten  wurde,  doch  nur
cum  grano  salis  zu  verstehen.  Wenn  der  Sohn  beim  Verlassen  der  Schule  in  das
Geschäft  des  Vaters  eintritt,  so  wird  dieser  natürlich  in  Amerika  ebenso  wie  in  jedein
anderen  Lande  sich  die  Anterweisung  des  Sohnes  angelegen  sein  lassen.  Es  ist  auch
wohl  kaum  daran  zu  zweifeln,  daß  in  einem  Lande,  in  dem  die  Kaufmannslehre  als
Institution  nicht  besteht,  befreundete  Väter  ihre  Söhne  austauschen  werden  in  der
Hoffnung,  daß  auf  diese  Art  der  junge  Clerk  besser  in  das  Geschäft  eingeführt  wird,
als  wenn  er  in  eine  ganz  fremde  Firma  einträte.  Positiv  ist  mir  versichert  worden,
daß  manche  Väter  die  Kaufmannslehre  des  Auslandes,  insbesondere  Deutschlands,  für
ihre  Söhne  benutzen.  Derartige  Vorbehalte  aber,  die  man  zu  der  Behauptung  von
dem  Fehlen  der  Kaufmannslehre  machen  muß,  lassen  vielleicht  den  ünterschied  noch
charakteristischer  hervortreten.  In  allen  solchen  Fällen  wird  die  methodische  Anleitung
in  der  Praxis  nur  den  Söhnen  von  Familien  einer  gewissen  Wohlhabenheit  zuteil;
die  deutsche  Kaufmannslehre  aber  kommt  allen  oder  doch  wenigstens  einem  ungleich
weiteren  Kreise  zugute.  Da  beim  Fehlen  einer  geordneten  Kaufmannslehre  sich  jene
Ausnahmen  zugunsten  der  Bestsituierten  von  selbst  einstellen  müssen,  so  kann  man  wohl
sagen,  daß  die  Kaufmannslehre  neben  der  von  manchen  Amerikanern  betonten  Seite
sozialer  Abschließung  auch  eine  sozial  befreiende  Seite  hat  (wenngleich  sie  in  ihrer
gegenwärtigen  Verfassung  mit  jeder  Lehrlingszeit  das  gemein  hat,  daß  es  an  organischen
Einrichtungen  für  die  Benutzung  durch  gänzlich  ünbemittelte  noch  zu  sehr  fehlt).  —
Ein  gewisser  Keim  zu  einer  zukünftigen  allgemeinen  Kaufmannslehre  in  Amerika  kann
vielleicht  eher  in  manchen  Einrichtungen  von  Großbetrieben  liege»,  die  sich  die  Fort ­
            
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