474 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
bildung aller ihrer Angestellten, auch der Arbeiter, zur Aufgabe machen. Eine Fabrik-
fortbildung, wie sie in St. Louis die National Cash Register Company aus ihren
Betrieben in Dayton (Ohio) ausgestellt hat, muß früher oder später zu der Einsicht
führen, daß das beste Bildungsmittel der Betrieb selbst ist. Auch gibt es Großbetriebe,
die es sich angelegen sein lassen, den jungen Leuten Anleitungen zu geben und
Anleiter zu bestellen (z. B. das bekannte große Warenhaus Marshall Field & Co. in
Chicago), wenngleich dies, soviel ich hören konnte, nirgends zu einer formellen Aus
gestaltung des Verhältnisses geführt hat.
7. Die Organisation des Getreidehandels.
Von Lermann Schumacher.
Schumacher, Der Getrcidehaudel in den vereinigten Staaten von Amerika und seine
(Organisation. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Herausgegeben von Lonrad
und Elster, in Verbindung mit Loeniug und Leris. s. Folge. w. Bd. Zeua, Gustav Fischer.
,895. S. 362—567.
3n den europäischen Ländern und insbesondere in Deutschland haben sich die
Technik und Organisation des Kandels der Massengüter in ihren Grundzügen bereits
zu einer Zeit ausgebildet, als die Massengüter — vor allem, wo größere Wasserstraßen
fehlten, — noch fast ganz auf den Lokalmarkt beschränkt, nur in bescheidenem Maße
Gegenstand des Austausches unter Völkern geworden warett. Zm großen inter
nationalen Kandel, soweit von diesem die Rede sein kann, herrschten die Waren hohen
Wertes und geringen Volumcirs vor, die die großen Kosten des meist langwierigen,
mühseligen Transportes zu tragen vermochten. Diese hochwertigen Güter erscheinen
auf dem Markte, ihrer materiellen Natur, intensiven Wertigkeit und meist geringen
Ausdehnung entsprechend, in Kolliform: in Ballen, Fässern, Kisten, Paketen. Nach
dieser Verpackungsart bildete sich die Technik des Kandels und des Transportgewerbes aus;
sie ist in den Beförderungsmitteln, in den Kebevorrichtungen, in den Lagerräumen
berechnet auf ein dauernd und allseitig fest abgegrenztes Gut. Als nun der Kandel
mit Massengütern, insbesondere Getreide, allmählich mit der gewerblichen Differenzierung
der Bevölkerung, mit dem Keranwachsen der Städte sich entwickelte, um in unserer
Zeit, beinahe plötzlich und unerwartet, in die fast vorderste Reihe des Weltgroßhandels
zu treten, da reihte sich dieser neu erblühende Kandelszwcig in Europa ganz selbst
verständlich und unbewußt und wirtschaftlich völlig korrett als ein Glied in die bestehende
Kandels- und Transportorganisation ein. Zu diesem Zwecke mußte das an und für
sich feste Formen entbehrende Getreide der Kolliform angepaßt werden, und das geschah,
indem man das Getreide in Säcke füllte, wie man zu diesem Zwecke Flüssigkeiten, ins
besondere Petroleum, in Fässer goß.
Dieser äußerlich-technischen Absonderung des Getreides entspricht auch eine ideelle,
juristische. Denn während die hochwertigen, von Natur regelmäßig zur Kolliform
prädestinierten Kandelsgüter — von Metallen abgesehen — auch regelmäßig nicht
fungibil sind, d. h. die rechtlich-wirtschaftliche Eigenschaft, daß gleiche Quantitäten gleicher
Qualität als gleich gelten, entbehren, besitzen sie Massengüter, >vic Getreide, wie Petroleum,
wenigstens in bestimmten Grenzen, von Natur aus. Dadurch aber, daß das Getreide
durch die Sackung, die mit einer Zeichnung des einzelnen Sackes verbunden zu sein
pflegt, rein äußerlich von seiner Gattung gesondert wird, büßt es auch in weitgehendem