Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7.  Die  Organisation  des  Getreidchandcls.

475

Maße  juristisch  seinen  generellen  Charakter,  seine  Fungibilität  ein.  Abgesehen  von
einzelnen  modernen  Börseneinrichtungen,  haben  daher  die  Rechtsgeschäfte,  insbesondere
Kauf,  Depositum,  Verpfändung,  im  europäischen  Getreidehandel  dieselben  Rechtsformen ­
  wie  hochwertige  Kolliwaren;  sie  sind  berechnet  auf  eine  juristische  Spezies  und
entbehren  —  mit  nur  unwesentlichen  Ausnahmen  —  jeder  dem  Getreidehandel  besonderen
Eigenart.  Danach  ist  es  also  für  den  europäischen  und  vor  allem  deutschen  Getreidehandel ­
  von  entscheidender  Bedeutung  geworden,  daß  hier  der  Entwickelung  des  internationalen ­
  Großhandels  nicht  nur  eine  weitgehende  Entwickelung  der  Getreideproduktion
vorausgegangen  ist,  sondern  auch  eine  detaillierte  Ausbildung  der  Handelsorganisation
und  Transporttechnik,  die  kräftig  und  dehnbar  genug  waren,  um  jeden  neu  emporkommenden ­
  Handelszweig  ihrer  Eigenart  anzupassen.  Durch  diese  Anpassung  erhielt
der  europäische  Getreidehandel  seine  beiden  Lauptcharakteristika:  für  die  Verkehrstechnik
den  Grundsatz  des  Kollitransportes  und  für  die  rechtliche  Organisation  den  der  Richtfungibilität.

Ganz  anders  ivar  die  Entwickelung  und  das  Resultat  dieser  Entwickelung  jenseits
des  Ozeans.  Die  Vereinigten  Staaten  sind  ein  Land  ohne  Vergangenheit,  ohne
Geschichte,  ohne  Tradition.  Als  daher  durch  jene  bekannten  Ursachen,  insbesondere
durch  den  welthistorischen  Prozeß  der  Besiedelung  des  Westens,  plötzlich  Amerika  aus
dem  unentwickelten,  im  Welthandel  höchstens  als  Importland  eine  Rolle  spielenden
Kolonialstaate  sich  zum  ersten  Getreidcexportlande  emporschwang,  da  gab  es  keine  ausgefahrene ­
  Bahnen,  in  die  der  Lande!  den  ungeheuren  Getreidestrom  leiten  konnte.
Wie  der  Lande!  hier  meist  die  Produktion  erst  hervorrief,  so  inußtc  er  auch  seine
Organisation  erst  neu  sich  schaffen,  und,  ungehindert  durch  fremde  Einflüsse  und  alte
Traditionen,  konnte  er  diese  völlig  frei  der  Eigenart  der  Landelsware  anpassen.  Die
Eigenart  des  Getreides  als  Landelsware  besteht  aber,  wie  bereits  angedeutet,  in  zweierlei:
erstens  rechtlich  in  der  Fungibilität,  zweitens  technisch  in  der  sogenannten  Trockenfiüssigkeit,
  d.  h.  in  der  Fähigkeit,  ohne  Substanzschädigung  im  weitgehendsten  Maße
geteilt,  jeder  Form  angepaßt  und  gleitend  durch  das  eigene  Gewicht,  ohne  fremde  Lilfe
fortbewegt  werden  zu  können.  Dieser  doppelten  Eigenart  konnte  aber  nicht  nur  die
Organisation  und  Technik  des  amerikanischen  Getreidehandcls  ungehindert  angepaßt
werden,  sie  mußte  es  auch.  Dieser  Zwang  lag  in  den  eigenartigen  Produktionsverhältnissen.
Jene  weiten  Länderstrecken  des  fernen  Westens  wurden  in  Kultur  genommen  von  ärmlichen ­
  zusammengelaufenen  Einwanderern,  die  regelmäßig  außer  ihrer  Anne  Kraft  und
der  Freigiebigkeit  des  jungfräulichen  Bodens  kein  weiteres  Kapital  besaßen;  es  bestand
also  Mangel  an  Betriebskapital  und  an  Arbeitskraft;  Kapitalzins  und  noch  mehr
Arbeitslohn  waren  unerschwinglich  hoch,  wenn  überhaupt  fremdes  Geld  und  fremde
Arbeitskraft  zu  haben  waren.
Es  galt  daher,  bei  der  neuen  Landelsorganisation  darauf  bedacht  zu  sein,  Betriebskapital ­
  und  Arbeitskraft  möglichst  zu  sparen.  Das  geschah,  indem  man  erstens  zum
Ersatz  der  Arbeitskraft  die  Bewegungsmöglichkeit,  die  in  der  Trockcnfiüssigkeit  des
Getreides  liegt,  mechanisch  ausnutzte,  indem  man  zweitens  gleichzeitig  mit  dem  Transport ­
  und  der  Lagerung  des  Getreides  in  loser  Schüttung  an  Betriebskapital  den  Sackbestand ­
  ersparte,  der  in  einem  industriearmen  Exportlandc,  in  dem  ebensowenig  auf
eine  billige  Lerstellung  der  Säcke  im  Jnlande,  wie  auf  eine  billige  Rückbeförderung
einmal  gebrauchter  Säcke  aus  dem  Auslande  gerechnet  werden  konnte,  einen  recht
erheblichen  Posten  ausmacht,  und  indem  man  endlich  drittens  durch  die  auf  beiden
Prinzipien  aufgebaute  Gesamtorganisation  es  für  den  Produzenten  unnötig  machte,
sich  eigene  Scheunen  für  die  oft  ungeheuren  Massen  seiner  Erzeugnisse  anzulegen.
Dazu  kommt,  daß  alle  reichen  Bodenschätze  wirtschaftlich  nur  geringen  Wett
hatten,  wenn  sie  im  Lande  blieben;  denn  ein  aufnahmefähiger  Lokalmarkt  exisüerte  nicht,
und  die  Konsumkraft  der  östlichen  Staaten  Amerikas  war  unzureichend  entwickelt.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.