Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7. Die Organisation des Getreidehandels. 
477 
der jetzt bevorsteht und zum Teil in Amerika ausgeführt ist: auch für den sehr viel 
längeren Zeitraum der ruhenden, nicht auf dem Transport befindlichen Ware die 
Warenfürforge vom Ländler auf einen kaufmännisch neutralen und technisch besonders 
erfahrenen Dritten zu übertragen. Wo dies geschieht, verbleibt dem eigentlichen 
Getreidehändler nur die Erfüllung der Aufgaben der Vermittelung zwischen Vorrat 
und Bedarf und damit der Preisbestimmung, während die Sorge für die konkrete 
Ware Aufgabe der Transportgesellschaften und im höheren Maße der Lagerhausunter 
nehmungen ist; das Band zwischen Warenvorrat und Warenvermittelung wird also rein 
äußerlich stark gelockert. 
Soll nun diese Arbeitsteilung eine wirtschaftlich rationelle sein, so muß sie die 
arbeitsteiligen Leistungen quantitativ und qualitativ steigern. Auf unseren Fall an 
gewandt, heißt das: die Fürsorge für die Ware muß bei den Lagerhausverwaltungen 
— bei den Transportgesellschaften liegt die Sache etwas anders — besser und billiger 
werden, und die von dieser Fürsorge befreiten Ländler müssen die Funktionen der 
Warenvermittelung und Preisbildung sachgemäßer, schneller und billiger versehen. Eine 
solche Wirkung hat die Arbeitsteilung dann, wenn sie eine intensivere Berufsbildung 
entwickelt, was wiederum nach allgemeinen psychologisch - wirtschaftlichen Regeln die 
Konzentration auf die enger umgrenzten Aufgaben zur Voraussetzung hat. Daraus 
ergibt sich für den Getreidehandel die staatswirtschaftliche Forderung, die beiden Berufs 
gruppen der Getreidehändler und der Getreidelagerer möglichst zu isolieren, einmal 
gegeneinander und sodann gegen Außenstehende. Die Abgrenzung gegeneinander ist 
besonders wichtig für das Lagerungsgeschäft, denn nur das Verbot des eigenen Landels 
gibt eine Garantie für die beste Warenfürsorge. Die Abgrenzung gegen außerhalb 
des Getreidehandels Stehende kommt für den eigentlichen Getreidehandel vor allem in 
Betracht, denn die bessere Erfüllung der wichtigen, spezifisch kaufmännischen Funktionen 
ist hier bei dem komplizierten Zusammenwirken nur möglich, wenn das geschulte Llrtcil 
der kaufmännischen Sachverständigen nicht durch die überhaupt nicht oder ungenügend 
begründeten Ansichten spekulationssüchtiger Laien paralysiert wird. 
Daß ein Land des Laissez faire, ein Land mit so dezentralisierter Staats 
gewalt, wie die Vereinigten Staaten von Amerika, nicht dazu geschaffen ist, diese 
Abgrenzungen der Berufsgruppen durchzuführen und damit den wirtschaftlichen Vor 
teilen dieser neuen Arbeitsteilung den Sieg über die notwendig mit ihr auch verbundenen 
Nachteile zu verschaffen, bedarf nicht des Beweises. So oft auch gerade auf diesem 
Gebiete Amerika als das nachahmenswerte Vorbild hingestellt wird, so zeigt es doch 
auch hier vielleicht noch mehr Nachteile als Vorteile in ungehemmter und daher üppiger 
Entfaltung und bewährt sich damit auch hier als Musterland für die Erkenntnis wirt 
schaftlicher Tendenzen und Probleme. 
Der amerikanische Getreidehandel trägt gegenwärtig den ausgeprägten Charakter 
eines Äbergangszeitaltcrs mit einem janusartig vor- und rückwärts gewandten Gesicht. 
Zunächst ragt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein; denn trotz der veränderten 
Landels- und Transporttechnik, trotz mancherlei gesetzlicher Verbote wird mit dem 
Lagerhausgeschäft regelmäßig das Getreidevermittelungsgeschäft verbunden. Dadurch, 
daß die fremden, unter Aufgabe der Identität eingelagerten Getreidemengen neben dem 
eigenen Vorrat den Spekulationen des Lagerhausbesihers dienstbar gemacht werden 
können, gewinnt dieser einen ebenso großen Vorsprung vor dem keine eigenen Lager 
räume besitzenden Getreidehändler, wie der fremde Einlagerer dadurch, daß nicht neutral- 
technische Gesichtspunkte, sondern kaufmännische Berechnungen für die Behandlung des 
Getreides maßgebend sind, benachteiligt wird. Das führt schließlich jedoch zu einem 
Widerspruch in sich selbst. Denn die Verschiebung des Gleichgewichts zwischen beiden 
Gruppen im Getreidehandel entwickelt notwendig eine wachsende Tendenz auf Mono 
polisierung des effektiven Getreidehandels in der Land der Lagcrhausgesellschaften und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.