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Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
führt so zur Negierung der Grundlagen dieser ganzen Entwickelung, der arbeitsteiligen
Differenzierung und des Fungibilitätsprinzipes.
Ebenso wie im Prinzip überwundenes, gestützt durch privatwirtschastlichen Egoisinus,
wiederauflebt, ebenso wird in entgegengesetzter Richtung über das Ziel hinausgeschossen
und die der Zukunft zugewandte Entwickelungstendenz verkannt und übertrieben. Die
Trennung des eigentlichen Getreidehandels von der technischen Warenfürsorge führt
leicht zu einer Verkennung der Bedeutung und Eigenart des Getreidehandels; losgelöst
vom eigentlichen Substrat seiner Tätigkeit, im Erfolge nicht mehr abhängig von ein
gehender Warenkenntnis, erscheint er leicht auch losgelöst von jedem Berufskönnen und
Berufswissen. Die Skrupellosen und Unternehmungslustigen glauben daher ihrerseits
sich an dem Gewinn des Getreidehandels beteiligen zu sollen, die Vorsichtigen und
Arbeitsamen halten sich für berechtigt, über den ganzen Kreis der Getreidehändler als
über eine Schar gewinnsüchtiger Nichtstuer den Stab zu brechen. Dieselbe Ansicht
führt so zu den größten Ausschreitungen des spekulativen Getreidehandels, wie zur
unberechtigten radikalen Opposition gegen die Getreidebörse.
Das dritte Kauptglied im Getreidehandel neben Börse und Lagerhaus, das
Transportwesen, zeigt ebenfalls diesen unsicheren Charakter des Älbergangsstadiums,
indem insbesondere die Eisenbahngesellschaften sich noch regelmäßig weigern, die not
wendige Delegation der Warenfürsorge für die Dauer des Transports rechtlich anzu
erkennen.
8. Chamber of Commerce und Board of Trade.
Von Ignaz Iastrow.
Jastrom, Bericht über eine volkswirtschaftliche Studienreise durch Nordamerika, sts. Juli
bis 2^. (Oktober tstvH.) In: Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie. Bericht der Ältesten
der Kaufmannschaft von Berlin. Jahrgang tstoq. Bd. I. Berlin, Georg Reimer, 1905. S. H6H~‘<*65.
Der historisch reinste Begriff der Chamber of Commerce hat sich in Netv
Pork erhalten. Die 1768 begründete dortige Handelskammer hält daran fest, daß sie
nicht die Interessen ihrer Mitglieder, auch nicht die Interessen der Stadt, sondern die
des Kandels im allgemeinen zu vertreten habe. Sie betrachtet es noch heute als einen
Bestandteil ihres Wesens, daß sie bei der Erneuerung und Klarstellung ihres Privilegs
nach dem Unabhängigkeitskriege (1784) in der neuen Charte ihren Namen mit dem
Zusatze „of the State of New York“ anführen ließ. Die Wahrnehmung persönlicher
oder örtlicher Interessen hat sie stets den zahlreich sich bildenden Board8 und Exchanges
überlassen. So wird in New Bork schon in den Jahren 1792—93 ein Board of
Brokers erwähnt, dessen Funktionen die heutige Stock Exchange fortgesetzt. Neben
dieser bestehen die Produce Exchange, die Cotton Exchange usw. Alle diese
Börsen sind im Eigentum von Körperschaften, die sich als Vertretung der betreffenden
Kandelsinteressen betrachten und ihren Mitgliedern die neuesten Kandelsnachrichten,
Erleichterung des telegraphischen und telephonischen Verkehrs, vor allen Dingen die
Gelegenheit zu Geschäftsabschlüssen in dem dazu bestimmten Raume beschaffen. Für
die örtlichen Interessen des New Borker Kandels- und Verkehrslebens besteht ein eigenes
Board of Trade and Transportation. Der Unterschied zwischen einer Chamber
of Commerce, die die allgemeinen Kandelsinteressen wahrnimmt, und einem Board
of Trade, das sich zur Ausgabe macht, die Interessen der am Orte tätigen Mitglieder
zu fördern, wird in New Bork so scharf betont, daß man auf Befragen gelegentlich
hören kann, es seien dies die denkbar größten Gegensätze, die nichts miteinander gemein