Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

486  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

der  Industrie  auszugestalten  für  gut  fand,  mußten  die  Amerikaner  dauernd  mit  dem
Doppelwesen  eines  Wirtschaftsgebietes  rechnen,  welches  bald  im  Lichte  eines  aufstrebenden ­
  Industriestaates,  bald  in  dem  eines  Ausfuhrgebietes  von  Roh--  und  Äilfs--stoffen
  der  Produktion  schillerte.
Bis  1861  hießen  die  beiden  Seiten  des  Wirtschaftslebens  Norden  und  Süden,
nach  dem  Sezessionskriege  Osten  und  Westen.  In  den  Debatten  des  Kongresses  über
das  Zollwesen  finden  die  Wünsche  der  verschiedenen  Landesteile  einen  lauten  Widerhall.
Doch  gestalten  sich  hier  die  Forderungen  nicht  so  einfach,  daß  etwa  —  was  freilich
die  Hauptsache  ist  —  die  Fabrikanten  nur  nach  Schutzzoll  rufen,  „um  die  jugendliche
Industrie  vor  der  überseeischen  Konkurrenz  zu  retten",  und  daß  die  Baumwoll-,  Tabakund
  Getteidebauern  verlangen,  Europa  möge  nur  dauernd  seine  Waren  bei  ihnen
absehen,  um  damit  die  Produkte  der  amerikanischen  Landwirtschaft  kaufen  zu  können.
Vielmehr  kommt  der  Schutzanspruch  für  Wolle,  Lanf,  Kohle,  Eisenerze,  Kupfer,  Zink,
Zinn  usw.  noch  hinzu,  gegen  den  die  Industriellen  mit  Freihandelsargumenten  plädiren.
Endlich  erscheint  noch  der  Chor  der  Reeder  und  Kaufleute  auf  der  Bühne  des  wirtschaftlichen ­
  Konflikts,  die  sowohl  importieren  wie  exportieren  wollen  und,  wie  zwischen
Ländern,  so  zwischen  Theorien  vermitteln  zu  können  vermeinen.
Die  Enscheidung  der  Differenzen  wird  nicht  selten  durch  die  Finanzpolitik  dikttert,
welche  entweder  ein  Mehr  oder  ein  Weniger  an  Einnahmen  vertritt.  Im  ersteren  wie
im  letzteren  Falle  können  ihr  die  Zölle  zu  hoch  oder  zu  niedrig  sein.  Tragen  dieselben
einen  prohibitiven  Charakter,  so  sollen  sie  herabgesetzt  werden,  damit  mehr  ausländische
Ware  über  die  Grenze  geht  und  die  Zollkasse  gefüllt  wird;  sind  sie  gering,  so  soll  der
Steuerfuß  aus  dem  gleichen  Grunde  erhöht  werden.  Wenn  hingegen  die  Einnahmen
schwinden  sollen,  so  kann  die  Prohibition  das  richtige  Mittel  sein,  aber  auch  Zollminderung, ­
  falls  nach  derselben  eine  nur  mäßige  Zunahme  der  Wareneinfuhr  in
Aussicht  steht.
Die  Sprecher  der  geschilderten  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Interessen  sind  die
politischen  Parteien  des  Landes.  Es  gibt  deren  zwei  seit  der  Begründung  der
Anion,  deren  Namen  mehrfach  im  Verlaufe  des  Jahrhunderts  gewechselt  hat.  Seit
dem  Sezessionskriege  heißen  sie  ununterbrochen  Republikaner  und  Demokraten.  Bisweilen ­
  hat  sich,  wenn  breitere  Volksschichten  mit  ihnen  unzuftieden  waren,  eine  dritte
gebildet,  die  indessen  immer  ohne  Bestand  gewesen  und  mit  den  Kauptparteien  rasch
verschmolzen  ist.  In  den  ersten  sechzig  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  bestand  ein
prinzipieller  Gegensatz  zwischen  den  damaligen  großen  Parteien,  welcher  auf  staatsrechtlichem, ­
  wittschaftlichem  und  sozialem  Gebiete  einen  Ausdruck  fand.  Die  eine  verttat
den  Süden,  die  Souveränität  der  Einzelstaaten,  den  Freihandel,  die  Sklaverei,  ihre
Gegnerin  den  Norden,  den  bundesstaatlichen  Zentralismus,  den  industriellen  Schutzzoll
und  die  Abolition.  Mit  dem  Kriege  waren  diese  Streitfragen  zugunsten  des  Nordens
entschieden,  dennoch  aber  blieben  die  Parteien  fortbestehen,  die  republikanische  als
überwiegend  im  Besitze  der  Regierungsgewalt,  die  demokratische  als  die  der  Oppositton.
Durchgreifende  Prinzipien  haben  sie  bis  1888  weder  aufgestellt  noch  vertreten.  Ihr
Wesen  bestand  mithin  darin,  daß  sie  zwei  Einrichtungen  waren,  durch  welche  Politiker
zu  bezahlten  Ämtern  kommen,  und  durch  welche  private  und  Klasseninteressen  sich  die
Staatsgewalt  dienstbar  machen  konnten.  Von  den  großen  Fragen,  welche  das  Volk
und  den  Staat  ernstlich  angingen,  ergriff  jede  Partei  zur  Zeit,  was  ihr  als  das  nützlichste
erschien.  Inbezug  auf  den  Tarif  war  die  Mehrzahl  der  Demokraten  für  ein  Finanzzollsystem, ­
  (tariff  for  revenue  only)  die  der  Republikaner  für  den  Schutz  der
amerikanischen  Industrie  und  Arbeit,  für  das  sogenannte  amerikanische  System,
ohne  jedoch  daraus  einen  unantastbaren  Programmpunkt  zu  machen.  Die  Demokraten
verteidigten  gelegentlich  auch  die  Eisenindusttien  in  Pennsylvanien,  Georgia  und  Süd-
            
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