Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

4. Der Handel nach sozialistischer Anschauung. 
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Konkurrenten. Jeder strebt daher danach, diese zu vernichten, und es entstehen daraus 
Bankerotte, Aufkauf, Wucher, Börsenspiel und eine Menge anderer unsittlicher Manöver 
der Gewinnsucht, wodurch der eine bloß auf den Ruin des andern hinarbeitet, alle 
Erwerbsvcrhältnisse in ein ewiges Schwanken und in fortwährende Unsicherheit verseht 
und zugleich die ganze Gesellschaft beraubt. 
Kritik dieser Angriffe. 
Der Handel ist an sich kein Zeichen der Demoralisation, sondern nur eine Sphäre, 
in der sich die inenschliche Selbstsucht geltend macht. Er ist unter allen gesellschaftlichen 
Formen eine Notwendigkeit und ein Hebel der Kultur, denn er ist der Amsatz der 
verschiedenen individuellen Arbeitsprodukte zur gegenseitigen Befriedigung der menschlichen 
Bedürfnisse, er ist der Prozeß, durch welchen die Individuen wie die Völker mit ihren 
mannigfachen Einlagen und Kräften sich gegenseiüg in ihrer Entwicklung unterstützen. 
Ohne ihn verliert jede Privatarbeit ihre gesellschaftliche Bestimmung, ihre Beziehung 
zum Gemeinwohl. Aber es gibt vom Handel einen sittlichen Gebrauch und einen 
unsittlichen Mißbrauch. Die Sozialisten schildern nur den letzteren und begreifen unter 
dem Handel nur den Wucher, der auf die Not und das Anglück anderer spekuliert; 
sie schildern nur den menschlichen Egoismus, wie er sich auf dem Gebiete des Verkehrs 
zeigt. Das Mißtrauen, die Verheimlichung der wahren Eigenschaften eigener Produkte 
und das Streben, von der Ankenntnis anderer Vorteil zu ziehen, sind nicht die 
notwendigen Gefährten des Handels, sondern Äußerungen derselben menschlichen Selbst 
sucht, die sich auch vor dem Verkehr durch andere Mittel offenbarte, und die gerade 
umsomehr aus dem Verkehre verschwinden, je ausgebildeter das Gewerbe des Handels ist. 
Was aber die nationalökonomischen Nachteile des Handels betrifft, welche die 
Sozialisten hervorheben, so beruhen diese ebenfalls auf einer einseitigen Parteiauffassung 
des Lebens, welche einzelne Mißbräuche der Sache für den allgemeinen Gebrauch 
derselben ausgibt. 
Sie sagen: Der Handel beschäftigt eine Menge überflüssiger Zwischenpersonen, 
welche nur konsumieren und die Waren verteuern. Aber der wahre Handel beschäftigt 
im Gegenteil eine Menge Personen, welche dadurch produzieren, daß sie die Güter 
verteilen, Überfluß und Mangel ausgleichen und durch ihre Arbeit den Konsumenten 
die Waren verwohlfeilern. 
Sie sagen: Die produktiven Gewerbe verlieren durch den Handel eine Menge 
Arbeitskräfte. Aber im Gegenteil, die übrigen Gewerbe gewinnen durch den Handel 
Arbeitskräfte, weil der Kaufmann die ganze Arbeit verrichtet, welche ohne denselben 
jeder Produzent mit weit mehr Zeitaufwand selbst verrichten müßte. 
Sie sagen endlich: Der Handel beherrscht Produktion und Konsumtion; aber der 
Handel wird vielmehr durch die Produktion und Konsumtion beherrscht und steht mit 
beiden wirtschaftlichen Tätigkeiten in fortwährender Wechselwirkung. Er verteilt, was 
die Produktion ihm zur Verteilung überliefert, und übergibt die Produtte den 
Konsumenten, die ihrer bedürfen. 
Wo er allein den Martt beherrscht, wo er die kleinen Produzenten nötigt, unter 
dem Wert zu verkaufen, und die Konsumenten, über den Wert zu kaufen, da ist er 
eben ausgeartet, da ist er nicht mehr Handel, sondern Wucher. Alle jene unmoralischen 
Auswüchse des Verkehrs, Aufkauf, Börsenspiel usw. sind durchaus verwerflich, aber 
durch ihre Verwerflichkeit wird nicht die redliche Tätigkeit des Kaufmanns und die 
nationalökonomische Produttivität seiner Arbeit widerlegt. Aus dem Mißbrauche des 
Handels folgt nicht die Notwendigkeit seiner Aufhebung, sondern die Notwendigkeit 
seiner Veredelung. 
Mollat, BolkswirtschastUches Lesebuch. 
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