Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

54 Zweiter Teil. Kandel. II. Der Kandel im allgemeinen. 
Der Kandelsstand ist seiner innersten Natur nach der geborene Vorkämpfer des 
„Liberalismus", natürlich nicht der vorübergehenden Gestalt, welche der Liberalismus 
im politischen Leben Deutschlands einige Jahrzehnte lang angenommen hat, sondern 
jener ewigen, unzerstörbaren Geistesrichtung, welche dem gewaltigen Drucke der sozialen 
Mächte, des Staates und seines Beamtentums, die Kraft der freien Persönlichkeit 
entgegensetzt, jener Geistesrichtung, ohne welche auch der Staat nicht bestehen kann. 
Aber die notwendige Voraussetzung für die Betätigung dieses Freiheitssinnes ist ein 
ebenso kräftiges Gefühl der eigenen Verantwortlichkeit für das Gedeihen der 
Gesamtheit, die Überzeugung, daß vor allem Selbstzucht und Selbsttätigkeit dazu 
gehören, um das Recht der Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Die Geschichte 
wird dereinst den deutschen Landelsstand der Gegenwart fragen, ob er jenes Gefühl 
der eigenen Pflicht und Verantwortlichkeit im ausreichenden Maße besessen hat. 
Darauf antwortet wohl gerade der tüchtigste Kaufmann: „Erst der Beruf!" 
Erst muß so viel erworben werden, daß die Existenz der Familie auf breiter, tiefer 
Grundlage gesichert ist. Gewiß, das erfordert Zeit und schwere Arbeit. Aber bei 
zeiten muß auch dafür gesorgt werden, daß der Kaufmann sich vorbereite für die 
anderen, für die nationalen Pflichten seines Berufes. Sonst wird er sich ihrer 
niemals bewußt werden, und es wird ihm gehen, wie so manchem Reichen, der mit 
seinem Reichtum nichts anzufangen, der nicht einmal seinen Söhnen eine Erziehung 
zu verschaffen weiß, die sie davor behütet, das mühsam Angesammelte in ordinärem 
Luxus zu vergeuden. 
Welche anziehende Erscheinung ist dagegen der gebildete Kaufmann! Fern 
von jener Einseitigkeit der Bildung, welcher in diesem Zeitalter der Spezialisten die 
Angehörigen der „gelehrten" Berufsarten fast unfehlbar anheimfallen, kann ein 
solcher Mann, dank seiner Empfänglichkeit, seiner gesunden, maßvollen Denkweise, 
seiner Kenntnis des Lebens, unendlich segensreich wirken. Er kann einen Kreis geistig 
angeregter Männer und Frauen in seinem Kaufe versammeln und hierdurch unserer 
sich immer mehr verflachenden Geselligkeit neues Leben einhauchen; so manchem Talente 
kann er die ersten schweren Anfänge erleichtern; er kann durch seine von einem 
gebildeten Geschmacke diktierten Bestellungen Kunst und Kunstgewerbe mächtig fördern; 
durch seinen Einfluß kann er den neuen gesunden Ideen im öffentlichen Leben die 
Wege ebnen, aus unreifen Gedanken den berechtigten Kern herausschälen, für alle 
guten Zwecke die praktischen Mittel und Wege finden. 
Reichtum ist die notwendige Voraussetzung jeder höheren Kulturentwickelung, 
aber er ist nicht Selbstzweck; wo er dies ist, da kann er unmöglich dauern. „Richesse 
oblige!“ — das muß der Wahlspruch unseres Kandelsstandes sein. Nur unter 
dieser Voraussetzung kann er auch von der Gesamtheit kräftigen Schutz seiner Lebens 
interessen erwarten. 
An alle Berufsstände stellt die Gesamtheit Anforderungen, die weit hinaus 
gehen über ihre Berufsleistungen. So ist es doch z. B. eine offenkundige Tatsache, 
daß der niedere ostelbischc Adel erst dem preußischen Staate, dann auch dem ganzen 
deutschen Volke die größten Dienste geleistet, daß er seine Keere geführt, daß er ihm 
einen Bismarck gegeben hat. Ist es ungerecht, daß der Staat solche Dienste durch 
Bewilligung entsprechender Standesmacht vergilt? 
Gerade der jetzige Augenblick zwingt jeden deutschen Kaufmann, den Ursachen 
nachzugehen, welche die schwere Bedrängnis der Interessen seiner Berufstätigkeit herbei 
geführt haben. In solchem Augenblicke ist mit Schönfärberei, mit kleinen Mittelchen 
der Selbsttäuschung nichts geholfen; zunächst bei sich selbst Einkehr halten, das predigt 
der schwere Ernst der Zeit jedem deutschen Kaufmanne. 
Ansere Zeit stellt an ihn die höchsten Anforderungen: cs genügt wirklich nicht 
mehr, alle Tage die Zeitung zu lesen, alle Jahre Steuern zu bezahlen, alle fünf
	        
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