60 Zweiter Teil. Lande!. III. Zur Geschichte von Lande! und Industrie.
zieht, stehen nun aber teils von Anfang an, teils bald darauf weitere arbeitsteilige
Glieder von Landet und Verkehr, die mehr dem Mittelstände oder gar den unteren
Klassen angehören. Schon die kleineren Lausierer, die teils im Gefolge des großen
Kaufmannes, teils selbständig mit etwas höherer wirtschaftlicher Entwickelung entstehen,
gehören hieher.
Zn dem Maße, wie aus den älteren Märkten, die einigemale im Jahre bei
Gelegenheit der Gerichts- und Volksversammlung, der kirchlichen Feste gehalten werden,
täglich stattfindende Märkte werden, treffen wir seßhafte Kleinkausleute, Krämer, Löker,
welche, mit kleinem Gewinn sich begnügend, den lokalen Detailhandel übernehmen; es
entsteht daneben ein offizielles Marktpersonal von Marktmeistern, Messern, Trägern,
Maklern, Warenprobierern, denen sich erst der fremde Münzer und Geldwechsler,
dann der heimische zugesellt. Aus letzteren erwächst später der Bankier und das ganze
Kreditgeschäft, das aber lange auch von anderen Großkaufleuten, von Klöstern und
Stadtverwaltungen, von Goldschmieden nebenher betrieben wird, erst im Laufe der
letzten 200 Jahre seine große, selbständige Ausbildung, seine Spezialitäten, seine innere,
weitgehende Arbeitsteilung empfangen hat.
Das Verkehrsgeschäst ist sehr lange Sache des reisenden Kaufmanns selbst. Er
verpflegt sich unterwegs selbst oder nimmt Gastfreundschaft in Anspruch, er besitzt
eigene Schiffe, Pferde und Wagen, er oder seine Diener begleiten die Waren selbst.
Im Orient kehrt er noch heute in der von den öffentlichen Gewalten hergestellten
Karawanserei ein, die ihm nur leere Räume bietet. Gasthäuser sind erst langsam im
Mittelalter aufgekommen, noch im vorigen Jahrhundert mußte die preußische Ver
waltung sich bemühen, sie durch besondere Begünstigungen ins Leben zu rufen, während
heute das Gasthaus, die Bank und die Poststelle die ersten Läufer einer städtischen
Neugründung in Amerika sind und die europäische Gasthausindustrie eine der groß-
arttgsten, technisch und auch arbeitsteilig vollendetsten ist.
Die Entstehung eines besonderen Frachtgewerbes haben wir am Wasser zu
suchen. Der Schiffer, der freilich lange zugleich Fischer bleibt, auch einzelne Zweige
des Landels, so hauptsächlich den Getreide- und Lolzhandel, mit seinem Frachtgewerbe
verbindet, nimmt den Kaufmann und seine Waren schon bei den Phönikern und im
Altertume auf; aber daneben bleiben vielfach die Großkaufleute der Seestädte Reeder
und Schiffsbesitzer bis heute. Viel langsamer entwickelt sich ein besonderes Fracht-
fuhrgeschäst auf dem Lande. Das Altertum hat nur Spuren davon; die neueren
Zeiten haben es vom 15.—18. Jahrhundert langsam entstehen sehen; die Metzger und
Bauern an den Lauptstraßen beschäftigen lange ihre Pferde nebenher in dieser Weise,
bis das regelmäßige Frachtfuhrgeschäft als selbständiges Gewerbe sich lohnte. Eine
Post im Dienste der kaiserlichen Verwaltung hat das Altertum gekannt, aber nicht im
Dienste des Verkehrs; erst aus den städtischen und fürstlichen Botenkursen des
15.—17. Jahrhunderts sind die Posten unserer Tage als selbständige, dem Brief-,
Personen- und Frachtverkehr dienende Institute erwachsen. An sie knüpfen sich als
große Privatunternehmungen oder Staatsinstitutc unsere heutigen Eisenbahnen, Tele
graphenanstalten, Postdampferlinien, Telephoneinrichtungen mit ihrem arbeitsteiligen
Personal von Tausenden von Personen.
Alle diese Institutionen zusammen haben vom 16. Jahrhundert an unsern Lande!
und seine Einrichtungen in den zivilisierten Staaten und zwischen ihnen gänzlich um
gestaltet. Nun konnte der Kaufmann zu Lause bleiben, durch Briese und Fracht
geschäfte, welche andere besorgten, seinen Lande! abmachen; er brauchte nicht mehr in
gleichem Maße wie früher allein oder in Genossenschaft sich eine Stellung in fremden
Ländern zu erkämpfen; derartiges nahm ihm, wenigstens teilweise, die Staatsgewalt
ab. Selbst die Warenlagerung und das Vorrätehalten ging teilweise auf besondere
Geschäfte und Organisationen, wie die öffentlichen Lagerhäuser, über; das Spekulieren,